„DIESE HARDLINERMENTALITÄT UND INTOLERANZ WAR MIR ZU ELITÄR“

Marco Repetto, dieser Name dürfte vielen Lesern dieses Blogs unbekannt sein. Es sei denn, sie haben ein Faible für elektronische Musik. Dann könnte der Name Marco Repetto bekannt sein – nist der Gute doch Inhaber von Inzec Records und ein gefragter Ambient-DJ. In seinem früheren Leben jedoch war Marco Repetto Schlagzeuger bei den Glueams, eine der ersten Schweizer Punkbands überhaupt, und bei Grauzone, deren Hit „Eisbär“ auch heute noch begeistert. Klingt interessant findet ihr? Das fand ich auch. So befragte ich Marco zu den Glueams, zu Grauzone, zu seinem heutigen Leben und wie es dazu kam.

HI MARCO, STELL DICH DOCH EINFACH MAL VOR: WIE ALT BIST DU, WAS MACHST DU, WER BIST DU?

Danke für die Anfrage Falk, es ist mir eine Ehre über meine Zeit als Punk zu berichten. Mittlerweilen bin ich 50 Jahre alt, Techno – Ambientmusiker und Labelinhaber von Inzec Records ( www.inzec.ch ) das für Elektro, Techno, Ambient und sonstige elektronische Klänge steht. Nebst Studioproduktionen für die Projekte wie Bigeneric und Sinbiotik performe ich immer wieder als Liveact unter meinem richtigen Namen. In diesem Sinne bewege ich mich sehr abseits vom kommerziellen Geschehen, im lebendigen, stetig leuchtenden Untergroud der alternativen Electronic Szene. Demgegenüber führe ich ein relativ ruhiges einfaches Leben, bin Vegi, übe Karate und bin sehr Naturverbunden. Darum unterstütze ich den Bruno Manser Fond, welche sich für die Erhaltung der Regenwälder und Lebensraum der Penan in Sarawak Malysia einsetzt. Schau kein TV und so…. bin lieber kreativ in meinem Atelier und höre dem Regen zu.

Sturm und Drang: Die Glueams gründen sich

DU WARST JA SCHLAGZEUGER BEI DEN GLUEAMS. ICH DENKE DIE MEISTEN DÜRFTEN DIE BAND NICHT KENNEN. KANNST DU UNS VIELLEICHT EURE BANDGESCHICHTE KURZ WIEDERGEBEN?

Nun, anfangs 1978, wars kaum möglich, an Wochenenden, Punk zu hören. Wir packten unsere ersten Punksingles, Adverts, Cortinas, Generation X, Raped, Lurkers, X-Ray Spex, Devo, Clash, Sex Pistols, Damned, Chelsea und wie sie alle hiessen, gingen damit in den Gaskessel Bern um sie dem DJ zum abspielen zu geben. Das war dann jeweils eine Stunde Pogo, der Gaskessel war so eine Art Hippiedisco, das gab natürlich „Kommunikation“ mit den Stammgästen, mehr oder weniger friedlich…. Dort traf ich Huri, mit ihm ging ich zusammen zur Schule. Er war begeistert von unsern Platten und war seinerzeit schon von Dr. Feelgood vom energischem Pubrock insfiziert. Unsere Platten waren aber um einiges wilder als der relativ gepflegte Pubrock von Dr, Feelgood. GT der spätere Bassist der Glueams, Punk der ersten Stunde, war immer mit mir zusammen. Mit ihm und Huri schmiedeten wir zusammen erste Pläne für eine Punkband.

Dorette gewannen wir als Sängerin bei einem Besuch im Olmo Bern, ein Laden, der erste Punkklamotten und Accesoires wie Badges etc. hatte. Das Olmo war auch so ein Treffpunkt der Berner Szene. Im Sommer 1978 waren wir in der ersten Formation am proben. Nebst mir an den Drums, spielte GT am Bass, Dorette sang und Huri spielte Gitarre. Später ersetzte Pavli den Gitarristen Huri. 1979 kam neben Pavli noch eine zweite Gitarre dazu, es war Tinu welcher1980 bei Grauzone als Gitarrist und Sänger tätig war. Wir nahmen 1979 zwei Singles auf „Strasse“ und „Mental“ . Als Label diente „Punk Rules Clan“ vom gleichnamigen Fanzine „Punk Rules“. Unsere Punkgang nannte sich „Punk Rules Clan“ und so lag es nahe das Label so zu betiteln. Später erschien dann noch eine Live Single vom Swiss Punk Now Festival 1979 in Emmen.

IHR HABT IN EURER „KARRIERE“ JA DREI SINGLES IN RELATIV KURZER ZEIT VERÖFFENTLICHT. ICH GLAUBE ALLE 1979. SEHR PRODUKTIV WART IHR DA. WIE KAM ES DAZU? TRAT EIN LABEL AUF EUCH ZU UND WOLLTE EUCH RAUSBRINGEN? DIE BEIDEN ERSTEN SINGLES SIND DOCH AUF PUNKS RULES CLAN HERAUSGEKOMMEN. HAT DIESES LABEL NOCH MEHR PLATTEN RAUSGEBRAUCHT ALS EURE SINGLES? WIE HOCH WAR DIE AUFLAGE?

Es war zu der Zeit in der Tat nicht sonderlich schwierig so produktiv zu sein. Wir erlebten ja etwas wirklich ganz Neues, die meisten Punkbands weltweit die man damals kannte waren musikalisch schon irgendwie dilettantisch, die kommunikative Kunst drumherum ebenso. Das gab natürlich immensen Ansporn mitzumachen. Man gehörte einfach dazu. Da war nicht die Riesenbarriere ein Musikstudium zu machen, um an der damaligen Großleinwand Rockmusik teilhaben zu können. Huri war gerade der Einzige, welcher schon einige Griffe auf der Gitarre drauf hatte. Wir machten einfach. Der Spaß und die Emotionen an etwas ganz neuem dabei zusein, war zu jedem Zeitpunkt die entscheidende Triebfeder.Es war keine Frage, unsere Songs auf fremden Labels herauszubringen. Die Sache mit der Unabhängigkeit war für uns damals schon klar. Vom Cover bis zur Aufnahme, wir bestimmten alles. Daran hat sich eigentlich bis heute nichts geändert mit meiner Arbeitsweise. Die Auflagen waren um die 500 Stück, so genau kann ich das heute nicht mehr sagen, von der „Mental“ Single waren es bestimmt mehr.

DIE MEISTEN EURER SONGS WAREN JA IM SCHWITZERDÜTSCH GESUNGEN. WOLLTET ODER KONNTET IHR NICHT IN HOCHDEUTSCH ODER ENGLISCH SINGEN?

Da ich zu der Zeit häufig in London war, allabendlich irgendwelche Konzerte sah, lernte ich damals viel von der Kommunikation zwischen Bands und Publikum. Da war ein extremer Austausch, Punk lebte dadurch, dass sich beide Seiten auf Anhieb direkt verstanden, das Publikum sang (gröhlte..) mit. Dies machte mir mächtig Eindruck, wenn ich in einer Band spielen, sollte dann so… Dorette war vor den Glueams lange in London. Sie hatte Punk vom Anfang an mitgekriegt. Für sie war es auch ganz klar in unserer Umgangssprache zu singen. An den Konzerten funktionierte das auch Perfekt, schon bald sangen die Kids mit… Heute habe ich mich wie eine eigene Sprache zugelegt um Tracks zu benennen, Wörter, welche tonal in Buchstaben zum Mood des Tracks klingen.

IN DEUTSCHLAND WAREN IN DIESER ZEIT DIE REAKTION DER „NORMALEN“ LEUTEN GEGENÜBER PUNKS OFT FEINDSELIG BIS GEWALTTÄTIG. WIE WAR DAS IN DER SCHWEIZ?

Es gab natürlich immer wieder Probleme wegen unserem Aussehen. Sowieso in der damaligen biederen Schweiz. In Zürich wurden Punks von den Teds verprügelt, grundlos. Vieles wurde von den Medien hochgespielt und damit gefördert. Vor allem die Sachen aus England. In der Schweiz hatte ich nie ernsthafte Probleme. Mir ist in London Gewalt wiederfahren. Einmal war ich Ende 1979 am Madness Gig im Electric Ballroom, 600 Skinheads und kein Punk weit und breit, außer mir… einer haute mich seine Faust auf die Nase und dann bin ich wie ein Hase davongerannt in die sichere in der Nähe liegenden Music Maschine. Ein andermal war ich mit Animal, einem einheimischen Punk, zusammen im Rough Trade, als uns eine Horde Skins verhauen wollte, auch da retten uns unsere Beine…..

WIE WAR DIE SZENE? GAB ES AUFTRITTSMÖGLICHKEITEN? WIE LIEF DAS IN DER SCHWEIZ?

Die Szene war sehr familiär, man reiste in andere Städte, um sich mit den dortigen Punks zu treffen und zusammen zu verkommen. An Wochenenden hatte ich häufig Besuch von mehreren Leuten zum Übernachten bei mir. Wir waren da nicht zimperlich, improvisierten und viele Freundschaften haben sich so ergeben, wie auch Möglichkeiten aufzutreten. Ueberall in der Schweiz, meist in kleineren Lokalen, vom leerstehendem Haus bis zum Jugendtreff und Kulturlokalen aus der linken Szene war alles dabei, an Möglichkeiten aufzutreten.

Unser Enthusiasmus war wohl ansteckend. Im Gaskessel Bern kam es hin und wieder zu Punkfestivals. Der Berner Punkclub Spex war am 1979 / 80 ein wichtiger Ort für viele Kids und Bands..

WAS MICH JA ECHT EIN WENIG WUNDERT, IST, DAS AUS MEINER SICHT DAMALS IN DER SCHWEIZ EINE MENGE EXTREM GEILER BANDS GAB, WIE Z.B. JACK & THE RIPPERS, SICK, MOTHERS RUIN ODER NASAL BOYS. WIE ERKLÄRST DU DIR DAS, DAS ES GERADE IN DER SCHWEIZ, EINEM LAND, VON DEM MAN JA IMMER DENKT, ES IST REICH, ALLES IST WOHL GEORDNET, ZU EINER SOLCHEN MASSE AN GUTER BANDS KAM, ES ÜBERHAUPT ZU PUNKROCK KAM? ODER ERSCHEINT MIR DAS NUR SO, UND DIE REALITÄT SAH DAMALS ANDERS AUS?

Wohl gerade aus dieser Ordentlichkeit heraus fand Punk soviel Nahrung in der Schweiz. Eine starke und zahlreiche neue Generation war da und hatte etwas zu sagen (das sagten bereits The Who in den 60ern mit „My Generation“…) – wollten etwas tun. Unser Anspruch am Punk damals war nicht wie in England die Arbeitslosigkeit, es war eher die Langeweile und befohlene Scheingeborgenheit bis zur Pensionierung. Die klinisch sauberen Straßen in der Schweiz waren ätzend zu der Zeit. Nach jedem längeren Londonaufenthalt war es erdrückend wieder zurückzukommen. Fast jeder Punk der ersten Stunde war in einer Band oder schrieb an einem Fanzine, auch wenn es nur etwas Eimaliges war. Die Vernetzung mit der sich damals auch im Aufbruch befindenden Kunstszene, vor allem in Zürich tat das Seinige dazu. Alles erhielt einen speziellen Glanz durch Punk. Die Fotografie, die Malerei, Skulpturen, Performances und insbesondere die Graphik befanden sich auf der neuen Welle und liefen zur Höchstform auf. Das alles ergab Synergien, stets untermalt mit Punkmusik live oder ab Platte. Ich denke, dass auch viele Leute aus der Sixties Generation den Punk mit aller Kraft unterstützten. Es waren oft „die Älteren“ welche uns halfen als Band zu spielen, Covers zu drucken usw.

IN DEUTSCHLAND NAHM DIE PUNKSZENE RELATIV SCHNELL EINE LINKSPOLITISCHE AUSRICHTUNG AN. WIE WAR DAS BEI EUCH? SPIELTE POLITIK EINE ROLLE BEI DEN SCHWEIZERBANDS?

Punk war auch ein Vorreiter der etwas später beginnenden, politisch motivierten Jugendunruhen. Das gab abrupt tiefe Spaltungen der Szene Anfang achtziger Jahre. Es gab plötzlich politische „richtige“ Punks, Anarchos und „Modepunks“ „New Wavers“ usw. sowie die „Punks Not Dead“ Gruppierungen, welche den Punk des Anfangs weiterlebten. Viele Bands waren politisch, wir hatten als Glueams eher naiv politische und meist sehr spassige Texte. Die alternative Szene und allerlei Musikfreaks unterstützten am ehesten Punkbands.

Der original Punk, wie er am Anfang war, so wie ich ihn liebte, farbig, euphorisch, kreativ und stimmig, verschwand mit dem Einsetzen der Jugendunruhen.

Die Post-Punk-Ära: Grauzone entsteht

NACHDEM ENDE DER GLUEAMS SPIELTEST DU JA SCHLAGZEUG BEI GRAUZONE, DIE JA EINIGE BEKANNTHEIT ERLANGTEN. NOCH HEUTE IST AUF FAST JEDEM NDW SAMPLER EUER EISBÄRSONG ZU HÖREN. WIE KAM ES ZU GRAUZONE?

Ende 1979 lösten sich Glueams auf. Zu dieser Zeit ging ich nach London und sah viele neue Bands, welche mich sehr beeinflussten. Unter anderem die Psychadelic Furs, welche am Anfang irre gut waren. Zudem kamen zu jener Zeit Bands wie The Cure, Echo & The Bunnymen“ Tear Drop Explodes“„Joy Division“ „Dead or Alive“, „Virgin Prunes“ „Cabaret Voltaire“ „Killing Joke“ welche mich zutiefst berührten. Es war eine neue Aestethik und Ebene zum Punkbewusstsein hinzugekommen. Sie verkörperten den Sound und die Stimmung der sich anbahnenden achtziger Jahre, melancholisch, düster und lebensfroh zugleich. Auch von Deutschland kamen deutliche musikalische Signale eines neuen Aufbruchs von DAF, Der Plan, Fehlfarben, Die Krupps, uva.. Die Neue Deutsche Welle hinterliess ihre Spuren. Im Sog dieser Entwicklungen beschlossen GT, der frühere Glueamsbassist und ich, dass Tinu (Martin Eicher) unser Alt-Neuer Gitarrist werden sollte, unserer neuen Band. Er hatte kurz bei Glueams mitgewirkt. So entstand Grauzone. Zusammen gelang uns ein Eintauchen in neuartige Klänge, welche bei den wenigen Konzerten sehr chaotisch und experimentell waren.

HATTET IHR MIT GRAUZONE AUCH AUFTRITTE IN DEUTSCHLAND? UND KONTAKTE ZU ANDEREN DEUTSCHEN BANDS, DIE HEUTE UNTER DEM SCHLAGWORT NDW FIRMIEREN?

Grauzone spielte einige Gigs in Deutschland, da war ich bereits nicht mehr dabei. Mit dabei waren Martin und sein Bruder Stephan Eicher. Kontakte hat es nie gegeben, da wir als Grauzone sehr kontaktscheu waren. Dass wir mit dem Wort NDW in Verbindung gebracht werden, ist aufgrund der Texte von Martin auf Deutsch nicht verwunderlich. Im Nachhinein war ja unser Sound zurzeit genau das Richtige.

EISBÄR WAR WAHRSCHEINLICH DER GRÖSSTE HIT VON GRAUZONE, DEN HEUTE NOCH DIE ALLERMEISTEN MUSIKINTERESSIERTEN KENNEN DÜRFTEN. WURDE DER SONG AUCH SCHON DAMALS SO WAHRGENOMMEN, SPRICH GING DER STEIL IN DIE CHARTS ODER BLIEB DER EISBÄR DOCH MEHR DER INDIEHIT FÜR EINGEWEIHTE.

Als Grauzone waren wir uns wohl bewusst mit dem Eisbär etwas sehr Spezielles aufgenommen zu haben, die Absicht eine gezielte Anpeilung auf Charterfolge zu machen war eigentlich nie im Raum, außer die Welt würde sich nach uns wenden, was dann auch eintrat. Uns interessierte das Erreichen einer neuen Musik mit für uns neuen Mitteln, wie Synthesizer, Drumcomputer, Bandschlaufen, Effekten usw. Wir wollten einfach glücklich sein mit dem Ergebnis. Die Resonanz auf den Eisbär kam so, erst ein Jahr später, im 1981, als wir das Album aufgenommen hatten, auf einmal war der Eisbär in Österreich auf Platz 2 der Singlecharts und in Deutschland in den Top-Ten. Mir wurde gesagt, dass unsere Musik in San Francisco in den Discos gespielt wurde. Nun wurden wir wahrgenommen, blieben aber stets im Untergrund, waren nicht fähig Konzerte zu geben, da wir uns verweigerten und zu dieser Zeit allzu sensibel drauf waren. Aufgrund des Erfolgs vom Eisbär gab es dann auch in Zürich im Kino Walche, ein breit angekündetes Konzert von uns, welches eine einzige Katastrophe war. Das wurde uns nie verziehen, was nicht weiter verwunderlich ist. Das Kino Walche war ein Sexkino. Nach dem Soundcheck für 3 Formationen, Grauzone sowie Stephan Eicher solo und ein Synthimusiker der Fux hieß, mussten wir die Bühne vor der Leinwand wieder räumen, das Kinoprogramm wartete.. kurz vor dem Gig versuchten wir alles wieder aufzubauen und natürlich ging nichts mehr…..

WIE BEKANNT WAREN GRAUZONE DAMALS EIGENTLICH?

Man kannte uns damals aufgrund der Musik, das Album kam in “ernsten” Szenekreisen sowie allgemein sehr gut an und passte hinterhergesehen, auch perfekt in den Zeitgeist der frühen Achtzigerjahre. Der Eisbär zog unterdessen immer weitere Kreise. Da wir ganz selten Interviews am Radio gaben und Fotos von uns rar waren, wussten nur wenige Eingeweihte, wer wir überhaupt waren. Als wir richtig bekannt wurden, hatten wir uns längst als Urformation aufgelöst, wir konnten einfach nicht so weiter, zu immens war der Erfolgsdruck und die inneren Spannungen. Grauzone existierte noch eine kurze Weile, als Duo, mit Martins Bruder Stephan Eicher weiter. Die 12” „Träume mit mir“ entstand unter dieser Formation. Immer wieder werde ich auch heute noch mit meiner Vergangenheit als Grauzone Mitglied konfrontiert, das freut mich eigentlich immer wieder, denn es war ein kurzer, traurig schön bewegender Abschnitt meines Lebens.

HEUTE FINDET SICH GRAUZONE MIT „EISBÄR“ IN TRAUTER NACHBARSCHAFT MIT MARKUS „ICH WILL SPASS“, „DEM GOLDENEN REITER“ VON JOACHIM WITT, MIT NENA UND IHREN „99 LUFTBALLONS“ ODER GEIER STURZFLUG AUF UNZÄHLIGEN NDW-KAUFHAUSSAMPLERN. WAS IST DAS EIN GEFÜHL MIT SOLCHEM, ICH NENNE ES MAL SALOPP UNTERHALTUNGSSCHROTT, DER JA DAMALS EIGENTLICH GENAU DAS DARSTELLTE, GEGEN DAS PUNK VORGEHEN WOLLTE, HEUTZUTAGE AUF DENSELBEN SAMPLERN ZU SEIN UND DADURCH AUCH IN DIESEN KONTEXT ZU GERATEN. ODER SAHT IHR EUCH DAMALS SELBST IN DIESEM NDW-KONTEXT?

Als wir mit Grauzone begannen, waren noch nicht alle Texte von Martin auf Deutsch, so etwa die Hälfte. Uns beeindruckte die deutsche Sprache als kunstvolle Ausdrucksform, zudem hatte es etwas Kühl-schönes, auf Hochdeutsch zu singen. Martin konnte sich so besser ausdrücken inmitten unserer neuen Musikexperimente. Als NDW konnten wir uns gar nicht bezeichnen als Schweizer Band, dieser Ausdruck war damals im 1980 ein noch nicht viel gehörtes Wort und demzufolge unbeschwert. Dass wir heute auf so vielen NDW Samplern mit dem Eisbär vertreten sind, ist wohl darauf zu führen, dass der „Eisbär“ auf Weltrekord, einem EMI-Unterlabel erschienen, dadurch gab es natürlich viele Lizenzen, dazu kommt das Revival der Achtziger Jahre. Mich stört das nicht im geringsten, da der Song damals in unserer Stimmung aufgenommen wurde und hinterher damit Geschichte gemacht worden ist. Ich kenn diese (Unterhaltungsschrott) NDW Sachen eigentlich gar nicht so, diese Musik hat mich nie wirklich erreicht, die Namen jedoch schon. Dass auf dem europäischen Festland eine eigene musikalische Identität am Gedeihen war, das merkte man schon und war auch gut so. Der amerikanische Traum war definitiv passé, man guckte weniger nach England und Amerika. Es waren eher DAF, Die Krupps, der Plan, Palais Schaumburg und Fehlfarben, die ich ganz gut mochte. Einige Ausnahmen an NDW-NDW-Hits, auf die ich aufmerksam wurde, gab es schon mal, Andreas Dorau zum Beispiel, er brachte mit seinem unschuldigen Song “Fred vom Jupiter” eine unbekümmerte naive Fröhlichkeit ins Spiel, in den damals bleiernen Zeiten, das tat auf seine Weise gut. Und erinnerte an die Anfänge, auch wenn dieser Song nicht zu meinen Lieblingsplatten gehört, wichtig war er immerhin schon, schlussendlich auch mutig zu dieser Zeit. Ich meine, wenn ein Song etwas aussagt und sogar etwas bewirkt, darf er von mir aus um die Welt drehen. Von dem Moment an, wo man einen Tonträger für die Öffentlichkeit macht, ist es ja bereits entschieden. Wichtig ist es doch, wie man die Dinge im Nachhinein sieht, dazu steht und was man geworden ist.

WIE WURDEN GRAUZONE VON DEN DAMALIGEN PUNKS WAHRGENOMMEN? KAM ES ZU REIBEREIN MIT DER „SZENE“, WEIL GRAUZONE VIELLEICHT ZU WENIG PUNK WAR UND MIT SYNTHESIZERN SPIELTE? SCHLIESSLICH SPIELTE EIN TEIL VON EUCH JA VORHER BEI DEN GLUEAMS, EINER AMTLICHEN PUNKBAND.

Wir hatten immer irgendeinen Synthie dabei, aber ich erinnere mich nicht mehr, ob uns das jemand jemals vorgeworfen hat. Viele Punkfreunde aus der Anfangszeit mochten uns und zogen mit, da wir ziemlich wilde und laute Konzerte gaben, andere rümpften die Nase, da sie uns nicht verstanden oder einfach intolerant waren. Das war dann die Fraktion des sich anbahnenden “Punks not Dead – Oi”. Diese Hardlinermentalität und Intoleranz war mir zu elitär, wir machten ja nicht wieder schon gehörte Musik, sondern versuchten etwas Neues, wobei der Punkgeist allgegenwärtig war. Hinterher kann man sagen, dass Grauzone an der Avangarde der Musik war, es kamen neue Leute zu unseren Konzerte, aus Künstler- sowie aus Studentenkreisen, es gab manche interessante Begegnung. Wir spielten immer mit Blaulicht und ließen Super 8 Filme, welche Stephan Eicher machte, dazu laufen. Livekonzerte waren immer etwas gänzlich anderes als unsere Arbeit im Studio. Das trennten wir ganz klar. Eigentlich vollzog sich bei vielen Punks der Wandel in die New Wave Zeit wie selbstverständlich, zeitgleich mit unserem Bestehen als Grauzone. Punk war ein Aufbruch, der Beginn von etwas Neuem, warum sollte man nicht weitergehen, zudem bereits die ganze Welt wusste, was Punk ist und man sich in der Bravo zum Konzert am Samstag stylen konnte. Ab 1980 war doch überall Identitätssuche angesagt, die Musik wurde extrem vielfältig, sensitiv, psychedelisch und elektronisch. Die Kleidungsformen des Urpunks hatten wir abgelegt, zu sehr war so eine Art Uniformierung entstanden, mit Markenartikel und so, das passte nicht mehr zurzeit, wie wir es lebten. Die Energie des Punks war geblieben, ich wage zu behaupten, dass heute noch viel davon zu spüren ist, gerade in der Indieszene egal welchen Stils. Außerdem ist Punk in der heutigen Zeit eine Lebensform geworden. Es entzündete sich eine Art globales neues Bewusstsein, das einfach blieb und man damit auch in Würde älter werden kann. Die ersten Jahre in den 80er waren ergiebig kreativ, seit 1977 gab es dauernd aufregende kulturelle Ausbrüche in Zusammenhang mit Punk. Eine Zeit, welche auf allen künstlerischen Ebenen unbeschwert zwischen Grautönen und Neonfarben oszillierte.

DU BIST JA IRGENDWANN BEI GRAUZONE AUSGESTIEGEN.

Nach den Aufnahmen des einzigen Longplayers mit Grauzone, funktionierte die Kommunikation zwischen uns nicht mehr richtig, Grauzone war etwas Besonderes geworden. Jeder von uns spürte das, die daraus unerträglichen Spannungen wie weiter und der besagte Erfolgsdruck, war das Ende der Anfangsformation. GT der Bassist und ich kamen mit dem Ganzen nicht mehr klar, die Band die wir zusammen anfänglich gegründet hatten, war nicht mehr in unserer Hand und nicht mehr das gleiche wie am Anfang. Als Drummer kam ich auch nicht klar damit, dass zunehmend nur noch Drumcomputer eingesetzt wurden, obwohl ich deren sporadischen Einsatz damals extrem cool fand. Es war auch nicht einmal die “große” Plattenfirma, welche uns irgendwelche Vorgaben gemacht hätte, die wären froh gewesen, hätten wir als Band auch nur irgendwie weitergemacht.

GT und ich wohnten zu dieser Zeit im gleichen Haus, wir hörten nächtelang neue Platten aus experimentierfreudigen Musikrichtungen und erweiterten unser Bewusstsein mit Unmengen an allerlei Stoffen. Wir verstanden und liebten plötzlich den psychedelischen Sound von 1966-67, das war, wie ein Virus der uns auf eine wohlige Weise für unsere Zukunft und musikalischer Bildung infizierte. Es ergab sich, dass GT und ich, den früheren Glueams Gitarristen Pavli aufsuchten, um mit ihm etwas neues zu machen. Wir verbrachten viel aufregende Zeit miteinander. Seine Art und Weise entsprach uns mehr als die schwierigen Grauzone Zeiten, wo wir nie genau wussten, was kommt und geht. Als Missing Link und später als Eigernordwand ließen wir die alternativen Kulturzentren, Clubs und Bars erbeben mit einer Art postpunk-energischen psychedelischen “Neandertal Sound”. Mittlerweilen hatte ich zum Mikrophon, Synthie und Metallperkussion gewechselt, neu war auch, dass Dominique Uldry, ein exzellenter Drummer und Mensch zu uns gefunden hatte. Ich erinnere mich an endlose interessante Gespräche und cooles Zusammensein nach den Proben. Als Eigernordwand, spielten wir immer wieder an brisanten Orten während der Zeit der Jugendunruhen 1982. In der Berner Reitschule, welche heute ein einzigartiger wertvoller Subkulturplatz ist, wurde einmal ein illegales Konzert von uns durch Tränengaspetarden der Polizei so ziemlich abrupt beendet. Auch als Grauzone spielten wir einmal relativ früh in der frisch besetzten Reithalle Bern.

KANNST DU DIR EINE REUNION MIT GRAUZONE VORSTELLEN?

Grauzone hat sich ja offiziell nie aufgelöst, es ist nicht auszuschließen, dass eines Tages Martin Eicher wieder da stehen wird mit neuen Leuten, ich fände das cool, schließlich hat er Grauzone unmissverständlich geprägt und ist ein großer Musiker. Meiner Meinung nach ist es überfällig, dass er wieder auftaucht. Da ich mit meinen eigenen Projekten eine unglaublich glückliche und gute Zeit verbringe, ist eine Reunion mit Grauzone oder Glueams für mich fast unvorstellbar. Es ist auch schwierig so etwas vorauszudenken, ehe die ultimative Frage direkt mit den betroffenen Beteiligten im Raum steht. Dann könnte sich alles ändern, sofern es aus dem Herzen käme und nicht aus strategischem Denken, wie die letzte Welle ergreifen, absahnen und so. Anderseits kann es auch Sinn machen, Grauzone und Glueams dort zu lassen, wo sie hingehören, in einer schrillen Zeit, die es ermöglichte so zu sein und alles seine Berechtigung hatte.

Die Reife des Alters Elektro übernimmt

HEUTZUTAGE BIST DU ALS AMBIENT-DJ UND PRODUZENT TÄTIG. BIST DU DA UNTER DEINEM BÜRGERLICHEN NAMEN TÄTIG ODER HAST EINEN KÜNSTLERNAMEN?

Wie gesagt, ich bin als Electronic Musiker im Studio am komponieren und immer wieder live unterwegs. Das Projekt Bigeneric ist mehr erdiger Ambientsound, „Sinbiotik“ verkörpert atmosphärischen Techno. Oft werde ich wiederum unter meinem bürgerlichen Namen gebucht. Alle Infos über meine Auftritte, etwaige Veröffentlichungen, Bio, erfährt man unter www.inzec.ch

WIE KAMST DU ZUR ELEKTRONISCHEN MUSIK?

Während ich ende `79 in London in der Musicmachine herumhängte, lief viel Musik ab Platten. Unter anderem „Fad Gadget – Back to Nature“ ein elektronischer Song. Ich musste diese Platte haben, ich glaube, dass dieser Song ein wesentlicher Initiator für meine späteren Arbeiten war. „Cabaret Voltaire“ waren elektronisch. Das war nicht so wichtig, die Mittel, es war das Grundgefühl in der Musik das zählte. Bei Grauzone setzten wir gleich zu Beginn an Synthesizer ein. Uns faszinierte der Klang dieser Maschinen. Die liefen oft von alleine, wir spielten dazu…Da wir nie über das nötige Kleingeld vefügten, solche Geräte zu kaufen, mieteten wir sie jeweils. 1983 wurde ich glücklicher Vater meines Sohnes Angelo, mein wunderbarster „Release“, nun wollte ich mit meinem Kind sein und war wärend seiner frühen Kindheit nicht mehr oft unterwegs. Ich hatte die Lust verloren auf miefige Übungslokalen, neue Bandmitglieder suchen und so. Die Trennung von Grauzone hatte ich noch nicht überwunden und so bastelte in den Jahren zuhause mit einem Korg Synthsizer und einer winzigen Boss Drummaschine meine persönliche Musik. Irgendeinmal 1987 hörte ich die ersten elektronischen Acid und Housetracks und bemerkte, dass ich mich mit meinen musikalischen Experimenten ganz in der Nähe dieser neuen Musik befand.

Von dieser Musik ging eine magische Anziehungskraft heraus, die mich bis heute gefangen hält.

ES GIBT JA EINIGE ALTE PUNKS ODER MENSCHEN, DIE IN JENER ZEIT MUSIKALISCH IN PUNK- ODER NEW-WAVEBANDS AKTIV WAREN UND HEUTE ELEKTRONISCHE MUSIK MACHEN. WAS GLAUBST DU, WORAN LIEGT DAS?

Aus dem Schmelztiegel der Stile in den frühen Achtziger sind viele elektronische Musiker und DJ`s hervorgegangen. Wie erwähnt, die Musik lebte von den grenzüberschreitenden Mitteln, Klänge zu erzeugen. Kraftwerk haben mit Ästhetik und Klang, die Musik der New Wave am Anfang stark mitgeprägt. Human League, Soft Cell, Depeche Mode waren ja alle elektronisch und sophisicated, ein wichtiger Aspekt in den Achtziger. Die Soundstrukturen waren um eine Facette reicher geworden, den elektronischen Dancerythmus. Man hatte die Discos wieder eingenommen. Alle zusammen hatten eins gemeinsam, sie entstammten dem Sog des Punks. Das Punkbewusstsein lebt bis heute noch in der alternativen electronic Szene.

Nicht verwunderlich, das viele Musiker aus dieser Zeit heute in der elektronischen Szene aktiv sind. Viele Freiräume für nächtelange elektronische Happenings, sind auch aus den bewegten Jahren entstanden durch unzählige tränenreichen Demos, was indirekt teilweise auf Punk zurückzuführen ist.

HAST DU HEUTE NOCH MIT DER AKTUELLEN PUNKSZENE ZU TUN? HÖRST DU NOCH PUNK? KENNST ODER HÖRST DU AKTUELLE BANDS?

Heute hab ich nicht mehr Kontakt zur eigentlichen Punkszene. Zurzeit hab ich jedoch viel mit den Mothers Ruin aus Zürich zu tun, einer Punkband der ersten Stunde, ich hab ihren Song Godzilla aus dem Jahre 1979 remixt.

Ab und an eine alte Single anhören macht mir immer noch Spaß. Das war in meinem Leben schliesslich eine ganz wichtige Zeit, genau da begann für mich ein neues Leben, für das ich immer dankbar sein werde. Leider kenne ich keine aktuellen Punkbands, da ich mit meiner Arbeit ziemlich zurückgezogen lebe und mich mit der Faszination meiner Klangkreationen hingebe. Aber bestimmt werde ich mir mal wieder mal ein Konzert reinziehen.

HAST DU NOCH KONTAKT ZU MITSTREITERN AUS DEINEN ALTEN BANDS/ AUS DER DAMALIGEN SZENE UND WEISST WAS AUS IHNEN GEWORDEN IST?

Ab und an sehe ich Huri, telefoniere mit Martin Eicher oder maile mit Pavli, er lebt in Helsinki. Die anderen Bandmitglieder, Dorette und GT sehe ich sehr selten. Martin Eicher macht immer noch Musik, Huri ist arbeitet heute als Architekt.

WELCHE PLATTEN KÖNNTE MAN HEUTE AUF DEINEM PLATTENTELLER/IN DEINEM CD-PLAYER FINDEN, WENN MAN UNANGEMELDET ZU BESUCH KOMMEN WÜRDE?

Es könnte das Album meines Sohnes sein mit seiner Truppe Telaphones , seine neuen Songs oder Echo&Bunnymen – Siberia oder Babyshambles – Down in Albion Zuhause höre ich viel Britpop ähnliches, gefällt und berührt mich.Manchmal sind es die „Electric Prunes“ oder irgendwelche Live CD`s befreundeter Musiker. Also irgendetwas, das ich gerade am durchhören bin. Sei es ein Tape des ersten Grauzone Konzertes im Gaskessel in Bern oder Front – Bitte recht Freundlich.

GEHÖRST DU ZU DEN MENSCHEN, DIE SAGEN, FRÜHER WAR ALLES BESSER!“ ODER WAR FRÜHER NUR EINIGES ANDERS ALS HEUTE. UND WAS WAR BESSER ODER ANDERS?

Es war anders und ich bin dankbar für alles, was ich mitnehmen durfte aus dieser aufregenden, intensiven Zeit. Heute verspüre ich wieder eine Aufbruchzeit der Kultur, es ist eine neue Generation, welche viele unserer Ideen in einem sehr interessanten Kontext weiterführt. Als futuristisch funktionierender Mensch schaue ich immer mit Interesse in die Gegenwart und manchmal auch in die Zukunft. Es sind alles so eine Art Puzzlestücke des Lebens, welche einem ausmachen. Ich könnte nie sagen, dass es früher besser war, es war damals einzigartig und richtig auf seine Weise in seiner Zeit. Von dem her genieße ich jeden Tag und freue mich auf alles, was auf uns zukommt aus der musikalischen Welt.

VERMISST DU MANCHMAL DIE ZEIT MIT DEN GLUEAMS ODER LEBST DU DA VOLL UND GANZ IM JETZT?

Während ich für Lurker Grands Buch „Hot Love“ schrieb, hab ich mir mal vorgestellt, wie es wäre, mit den richtigen Glueams wieder aufzutreten, dieser Vorstellung wäre ich nicht abgeneigt….. Manchmal denke ich an die Tage unserer Höchstform zurück, es kommt vieles hoch. Da liefen natürlich viele Geschichten um und mit uns, es bleiben schöne Erinnerungen und wertvolle Erfahrungen. An der Zeitschwelle zu leben ist spannend und war schon immer selbstverständlich für mich.

DAS LETZTE WORT GEHÖRT DIR.

Ein großer Dank an Dich! Ehrliche Musik hat alles in sich um etwas zu bewegen, es kommt nicht auf die Stile und Mittel an. Wichtig ist doch an sich selbst zu glauben und versuchen den Weg des Herzens zu begehen. In einer Zeit des globalen Bewusstseins, ein gutes Werkzeug.

Einen Baum genau zu betrachten, sagt mehr über das Leben aus, als alle Religionen und wirtschaftlich / politischen Dogmen dieser Welt.

Das Interview erschien zunächst im Gestreckten Mittelfinger #5

Wie bewertest Du die Platte?
[Gesamt:1    Durchschnitt: 5/5]

Written by Falk Fatal

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