KNEIPENGESPRÄCHE

“Ha Ha, Jobgipfel. Körperschaftssteuer runter, Unternehmenssteuer runter, aber die Tabaksteuer erhöhen sie immer weiter. Mit uns Rauchern kann man es ja machen.“ Zornig griff er nach seinem Bier und trank hastig einen großen Schluck. „Hat sich dein Scheiß BVB doch noch gerettet, Chris. Da steckt doch die Mafia dahinter, das die noch ne Lizenz kriegen. Da stecken doch die Jugos dahinter.“ „Ach Danny, halt doch das Maul. Du hast doch keine Ahnung. Solltest nicht so viel Scheiße erzählen, sonst ergeht es dir wie der Simonis. Har Har. Das hat die voll verdient, die blöde Sau.“ „Was hat denn die Alte mit dem BVB zu tun? Aber gerecht geschieht ihr das schon. Wie die schon aussieht. Die könntest Du mir nackt auf den Bauch binden und ich würde keinen hoch kriegen?“

Lachend klopfte er sich auf den Oberschenkel. Chris, der gerade einen Schluck Bier zu sich nahm, versuchte das Lachen zu unterdrücken, schaffte es aber nicht und prustete das Bier auf den Tisch. „Ha ha, du Vollidiot. Nicht mal trinken kannst du.”

„Ha ha, Halst Maul! Die Simonis nackt, Bäh! Die ist ja fast so schlimm wie die Merkel. Da geht einem doch alles ab. Deren Männer sind bestimmt schwul.“

Danny fingerte eine Zigarette aus der Schachtel, griff nach dem Feuerzeug und steckte sich die Zigarette an. Chris nahm noch einen Schluck Bier.

„Aber sag doch mal, das ist doch scheiße alles. Da sperren die für den Bush ne ganze Stadt ab, das kostet Millionen und bei Opel müssen die Leute gehen. Aber für den Bush, das Arsch, da haben sie die Kohle übrig. Da geht es ja ums deutsch- amerikanische Verhältnis. Das da Tausende jetzt auf der Straße stehen, das juckt die in Berlin doch nicht. Unser toller Herr Schröder kauft sich einen Hund und adoptiert ein Kind. Bringt es wohl nicht mehr, ha ha, der Saftsack.“

„ Na das musste doch aber verstehen. Bei dem Pferdegebiss das die hat, da denkste doch nicht an Liebe.“

„Wen meinsten jetzt“, fragte Chris.

„Na die Hillu, die Alte vom Schröder. Wenn die sich liften lässt, sieht die aus wie Michael Jackson. Ha Ha.”

“Hast Du gesehen, was der Jackson für Pyjamahosen anhatte. Har har, das war zu komisch, da hat der tausend Millionen und läuft dann in so hässlichen Pyjamahosen rum. Ha Ha.“

„Was machst Du dich denn so lustig? Du mit deinen Baumwollhosen siehst doch auch nicht besser aus.”

„Das stimmt, aber ich verdien ja auch nur 1800 im Monat, ha ha.“

Danny nahm noch einen Schluck Bier. „Scheiße, schon wieder alle. Willste auch noch eins?“

Chris schaute auf sein Glas, nickte und nahm einen großen Schluck. „Hey Chef, bring uns noch mal zwei Bier!“

Mit Chef war ich gemeint. Ich stand hinter dem Tresen und zapfte Bier. Die beiden saßen an dem Tisch direkt vor der Theke. Ich zapfte zwei weitere Pils für die beiden und brachte sie ihnen an den Tisch. „Das ging aber schnell, Chef. Auf den prompten Service!“ rief Chris und prostete dabei Danny zu.

Ich ging wieder hinter meine Tresen und schaute dabei auf die Uhr. Erst halb elf. Bis zum Kneipenschluss würden noch ein paar Stunden ins Land ziehen.

An der Theke hatten es sich in der Zwischenzeit zwei Studenten der örtlichen FH bequem gemacht. Beide waren Anfang Zwanzig und wie es sich für diese Stadt gehört, waren sie dem neusten H&M Trend entsprechend gekleidet. Der eine, der links saß, hatte schwarzgefärbtes Haar, welches er eloquent zurück gegelt hatte. Sein Kompagnon hatte blondes Haar. Seine Frisur nannte man seit geraumer Zeit Beckham- Iro. Wahrscheinlich wollte er wie Robbie Williams aussehen, das wollen ja viele zurzeit, doch es reichte bei ihm bloß zu Thorsten Fink. Ihr wisst schon, der ehemalige Fußballer von Bayern München, der immer mit Stefan Effenberg und Olli Kahn in Münchens Edeldiscos abstürzte. Aber so sahen jetzt ja viele aus. Sie bestellten beide ein Cola- Bier.

„Und was hast Du so gemacht in den Ferien?“

„Ach, ich habe ein Praktikum gemacht, in einer Werbeagentur in Frankfurt.“

„Cool Mann, das ist ja echt der Hit? Was hasten da gemacht?“

„Och, nicht so viel. Ging auch nur einen Monat. Die meiste Zeit habe ich mit Tom, so heißt der eine Teilhaber, Kundenprofile erstellt. So Marktforschung. Die versuchen immer die neusten Trends aufzuspüren, damit deren Werbekampagnen auch voll einschlagen.“

„Eh echt, das ist ja cool. Und was ist der neuste Trend?“

„Na ja, der hat noch keinen Namen. Es muss halt jung und frisch rüberkommen, aber trotzdem preiswert irgendwie. Die Leute haben ja auch nicht mehr so viel Geld in der Tasche. Mit den ganzen Arbeitslosen. Die werden doch immer mehr, und da wächst natürlich ein ganz neuer Markt heran. Früher, als es der Wirtschaft noch gut ging und alle Arbeit hatten und Geld und so, da konnte das alles exklusiver sein und teuer. Aber jetzt, da ist das echt schwierig. Die Leute kaufen ja weniger. Die müssen jetzt genauer schauen, was sie mit ihrem Geld machen. Da schauen die natürlich viel genauer, was das alles kostet und kaufen natürlich das, was am billigsten ist.“

„Ja stimmt man, ist echt scheiße zurzeit. Mein Alter hat auch nicht mehr so viel Geld und hat mir jetzt auch die Unterstützung gekürzt. Da muss ich jetzt auch schauen, was billiger ist.“

„Siehste! Aber du kaufst dir doch auch keinen Scheiß aus dem 1,-Euro Laden. So billig darf es dann auch nicht sein.“

„Genau!“

„Und das ist ja jetzt das Problem der Werbeindustrie. Die müssen da jetzt drauf eingehen, dass die Leute nicht mehr so viel Geld haben, nur so nen Türkenbillig Scheiß will auch keiner haben. Gut aussehen muss es trotzdem. Die Leute haben ja auch Ansprüche. Die haben vorher viel mehr Geld gehabt und jetzt mit weniger in der Tasche, müssen die natürlich die Ansprüche runterschrauben, aber so aussehen, wie ein arbeitsloser Penner will auch niemand. Auch wenn sie es sind. Arbeitslos ist doch echt das Letzte. Da biste voll marginalisiert.“

„Biste was? Margi… was?“

„Marginalisiert heißt das! Im Abseits stehen halt.“ Er nippte an seinem Cola- Bier unf fuhr fort: „Arbeitslos hat ja auch einen schlechten Ruf. Das waren früher nur Penner, Alkis und so, die arbeitslos waren, und die ganzen faulen Schmarotzer, die nicht arbeiten wollten. Aber jetzt sind das da auch gute Leute dabei. Denen halt gekündigt wurde, weil es der Firma so schlecht geht, und nicht weil die schlecht gearbeitet haben.“ „Ja, stimmt. Ein Kumpel von meinem Bruder, der hat früher in der IT- Branche gearbeitet und als der Börsencrash kam, ist die Firma in der er gearbeitet hat, auch pleite gegangen und er war natürlich arbeitslos. Und jetzt findet er nichts, weil die Branche voll am Boden ist. Der muss jetzt sogar eine Umschulung machen.“

„Krass. Aber, der ist doch voll das gute Beispiel. Der hat doch früher bestimmt einen guten Lebensstil gehabt und den will er jetzt doch nicht aufgeben. Das wäre doch auch voll die Niederlage für den.“

Er nahm einen großen Schluck von seinem Cola- Bier. Dann steckte er sich eine Gauloises Legère an und sprach weiter: „So persönlich. Ist bestimmt Top ausgebildet und so und echt fit in seinem Metier und muss sich jetzt trotzdem in der Schlange im Arbeitsamt, mit den ganzen Pennern zusammen, anstellen. Der will doch nicht zu den Verlierern gehören! Und das will der doch nicht, daß das jemand sieht. Und der ist jetzt ja ne ganz neue Zielgruppe. ‚Geiz ist Geil’ und so, ist ja eher was für Friseusen und Heizungsbauer. Die stellen sich da um acht Uhr morgens vor den Media Markt, wenn es da an dem Tag keine Mehrwertsteuer gibt, um sich einen neuen DVD- Player zu kaufen. Aber dein Kumpel will sich doch nicht mit so nem Handwerker um einen DVD- Player prügeln. Wollte ich auch nicht. Der will schon was Exklusives. Der will unter sich bleiben. Und das ist ein ganz neuer Markt für die Werbung. Lifestyles kreieren, die zwar exklusiv erscheinen und trotzdem bezahlbar sind, auch für nen arbeitslosen IT- Fuzzi.“

„So wie H&M oder was? Das sieht ja auch nicht so billig aus, ist aber trotzdem bezahlbar. Da hat ja jetzt auch der Lagerfeld Mode für entworfen.“

„Ja, so in der Art. Natürlich schon ein bisschen anders, aber schon Lagerfeld für den kleinen Geldbeutel. Das ist halt die Zukunft. Machen doch alle. Selbst Mercedes baut jetzt Kleinwagen.“

„Stimmt!“

Er schaute auf sein leeres Glas, dann auf die Uhr auf seinem Handy. „Lass mal bezahlen. Ist schon spät, ich habe morgen um acht Vorlesung.“

„Um acht Uhr schon Vorlesung? Man, das ist echt früh, aber Du bist ja auch eher der Strebertyp.“

Er grinste. „Hey Barkeeper, die Rechnung bitte.“

Sie bezahlten ihre Cola- Biere und verließen die Kneipe.

„Hey Chef, bring uns noch mal zwei Bier“, schallte es vom Tisch vor der Theke. Ich zapfte zwei neue Pils und brachte sie Danny und Chris an den Tisch.

„Chef, bist heute voll im Rekordzeitfieber, ey echt.“ Dann wandte er sich wieder Danny zu. Ich räumte die beiden leeren Gläser ab und stellte mich wieder hintern den Tresen.

„Habe ich dir schon von dem Typen erzählt, den ich heute Morgen im Amt kennen gelernt habe?“

„Nö“ antwortete Danny und fingerte sich eine Zigarette aus der, auf dem Tisch liegenden, Zigarettenschachtel.

„Ist kein Problem Danny, kannst dir ruhig eine Zigarette nehmen. Brauchst nicht zu fragen. Nee, also, der Typ heute Morgen. Es hat natürlich mal wieder länger gedauert auf dem Amt…“

„Wie immer…“murmelte Danny. „…und ich dass da halt so rum und musste warten bis ich dran bin und neben mir saß so ein junger Typ. Der war so Mitte Zwanzig. Sah eigentlich ganz gepflegt aus. So ein Geleckter halt. Der sah aus wie so ein Möchtegern Robbie Williams. So mit diesem Pseudo Irokesen. Mann, dem hätte man früher echt das Fressbrett poliert für diese Frisur. Aber ist ja alles nicht mehr so wie es war. Ist ja alles hip jetzt.“

Dabei musste er bitter lachen und trank noch einen Schluck aus seinem Bierglas.

„Jedenfalls“, fuhr er fort, „kam ich irgendwann mit dem ins Gespräch. Was er denn hier so macht, habe ich ihn gefragt. Naja, arbeitslos, wäre er, hat er geantwortet. Und so kamen wir ins Gespräch. Früher hatte der mal bei einer IT- Firma gearbeitet und voll die Kohle gescheffelt. Hat auch viel mit Aktien gemacht damals, am neuen Markt. Und als das dann alles den Bach runter ging, machte halt seine Firma pleite und er wurde entlassen. Seine Aktien waren natürlich auch voll für´n Arsch, da er auch nur in so Start- Up Klitschen investiert hatte und die sind ja alle abgeschmiert wie die Fliegen…“

„Boah, hör mir bloß auf damit, da kann ich dir was…“

„Um dich geht’s jetzt doch gar nicht“, unterbrach ihn Chris entrüstet.

„Na jedenfalls, ist der jetzt arbeitslos und die ganze Kohle die er im Boom gemacht hat, ist auch weg. Und jetzt hockt der da auf dem Arbeitsamt mit irgendeinem Job, den die auf dem Amt gar nicht kennen. Office Director Assistant oder so, hieß dem seine Tätigkeit und so was sucht ja niemand. Und der findet auch nix. Und irgendwie schwarz was nebenher verdienen könnte er damit auch nicht, meinte er. Jetzt muss er eine Umschulung machen. Arme Sau. Office Assistant Director. Was soll das denn überhaupt sein?“

Danny zuckte gelangweilt mit den Schultern, zog ein letztes Mal an seiner Zigarette und drückte die Zigarette dann im Aschenbecher aus und trank einen großen Schluck Bier.

„Assistant Office Director? Keine Ahnung, aber hört sich ganz schön hochgestochen an. Aber doch schon irgendwie besser als ‚Gas-Wasser-Scheiße-Installateur’, findest Du nicht“, fragte Danny grinsend.

„Da haste schon recht, Du Arsch!“ sagte Chris und musste lachen.

„Office Chief Producer Assistant hört sich schon besser an, als ‘Gas-Wasser-Scheiße-Installateur’, aber der ‚Gas-Wasser-Scheiße-Installateur’ fliegt mit Sandra und der Arbeitsamtkohle auf die Malediven und macht den Rest schwarz, während der Chief Producer Assistant auf die neusten Sonderangebote bei Saturn wartet und sich dabei umschulen lässt!“

Als er das gesagt hatte, musste Chris losprusten und fing lauthals zu lachen an. Danny tat es ihm gleich und fing ebenfalls zu lachen an. „Mach mal zwei Klare klar!“ rief mir Danny zu und musste dabei noch mehr lachen.

Ich blickte auf die Uhr. Halb eins. „Noch eine halbe Stunde“, dachte ich zufrieden, drehte mich zum Schnapsregal um und griff nach dem Doppelhäuser.

Ursprünglich erschienen vor ein paar Jahren im Drachenmädchen #10. Deshalb nicht überrascht sein über die einleitenden Sätze zum BVB. Als die Story entstand kämpfte der Verein gerade gegen die Insolvenz. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.

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Written by Falk Fatal

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