DIE PROVINZ LEBT

Langsam kroch die Dämmerung über den Horizont. Über der Stadt trieben Regenfahnen wie Rauch über die Dächer. Die Sonne versank in einem rötlichen Brei, irgendwo hinter den Fassaden der vor sich hindämmernden Stadt. Und ich musste raus aus dem hellerleuchteten Straßengewirr, hinein ins Unbekannte. Ich musste dorthin „where no man has gone before.“ Ich wagte mich in unbekannte Welten vor und grüßte die Tristesse mit einem freundlichen „Bonjour.“ Ich, der rasende Reporter,  musste raus nach Wollmerschied auf die Ü-40 Party. Die örtliche Kerbegesellschaft „Die Borschter Blaubärn“ hatten ins Bürgerhaus geladen unter dem Motto „Licht aus, Spot an.“

Kleiner Exkurs für die Idioten, die vor diesemMonitor sitzen: Mit diesen Worten begrüßte Ilja Richter von 1971 elf Jahre lang wöchentlich sein Publikum in der ZDF-Musiksendung „Disco“, die bis 1982 lief, bevor Richter die Moderation der Sendung aufgab, um sich auf seine Schauspielerkarriere zu konzentrieren. Exkurs Ende.

Wirklich alle 700 Wollmerschieder folgten der Einladung ins Bürgerhaus für einen ausgelassenen Tanzabend. Der örtliche „Plattenleger“ Reinhold Dieterschmidt versprach den anwesenden Traktorfahrern, Metzgergesellinnen, Bürofachfrauen und Friseusen nicht zu wenig, als er ankündigte: „Ob Pop, Schlager oder Rock, da wird für jeden etwas dabei sein.“ Dabei zeigte er stolz auf seine große CD-Sammlung, die er in zwei silberfarbenen Koffer in das Bürgerhaus transportiert hatte.

Das Bürgerhaus selbst wird 2012 seinen 40. Geburtstag feiern, und wurde damit ein Jahr nach dem Begin von Ilja Richters Kultsendung in Betrieb genommen. Wie so viele öffentliche Gebäude, die in den späten 60ern und frühen 70ern gebaut wurden, ist es im Stil des Funktionalismus gehalten, das bedeutet, dass rein ästhetische Gestaltungsprinzipien hinter den die Form bestimmenden Verwendungszweck zurücktreten. Am Wollmerschieder Bürgerhaus hat der Architekt dieses Gestaltungsprinzip erfolgreich umgesetzt. Allein der Einfall als Grundelement des Baus Waschbeton in dem Farbton „verwaschenes Grau“ zu wählen, verrät einiges über den Glanz und die Gloria der 70er.

Bei dieser Geschichte des Gebäudes ist es wenig verwunderlich, dass es den zahlreichen helfenden Händen scheinbar mühelos gelang, dass Interieur des Bürgerhauses mit Lampions und einer großen Discokugel so herzurichten, dass der Discocharme den Besuchern aus wirklich jeder Ritze und Pore entgegen strömte. Das fand auch Kathrin Diedel: „Super haben die Borschter Blaubärn das Bürgerhaus hergerichtet.“ „Die haben sich wirklich Mühe mit der Dekoration gegeben“, musste ihr Uwe Schäfers beipflichten. Ob sie Ilja Richters „Disco“ kennen? „Klar kennen wir die Sendung. Das haben wir immer geschaut“, lacht die joviale Mitvierzigerin. „Und dass die Musik heute hier läuft, ist großartig. Das war unsere Zeit“, brüllt es aus dem erröteten Gesicht Schäfers. Dann packte er „seine“ Kathrin und entführte sie auf die Tanzfläche. Schließlich geizte „Plattenleger“ Dieterschmidt nicht mit Hits. Auf „Fiesta Mexicana“ folgte „Karacho Karamba, ein Whiskey“ und „I was made for loving you.“ Einige Metzgergesellinnen folgten dem lebenslustigen Pärchen auf die Tanzfläche und ließen ausladend ihre geburtsfreudigen Becken im Takt der Superhits kreisen. Unbemerkt von einigen schnurrbärtigen Tanzmuffel, die es vorzogen sich im Vorraum des Bürgerhauses bei Bier und Korn das UI-Cup-Finale zwischen Universitatea Craiova und Traktor Tscheljabinsk anzuschauen.

Vor dem Bürgerhaus zeichnete sich derweil der demographische Wandel ab. Die wenige Menschen unter 30, hatten sich bei Zigaretten und kleinem Feigling zusammengerottet und diskutierten angeregt über die anstehende Traktorführerscheinprüfung. Doch auch hier stieß „Disco“ auf offene Ohren. „Nee, Ilja Richter und seine Sendung kenne ich nicht, ich bin ja erst 26. Aber ein Problem damit habe ich nicht. Ich höre gerne Oldies und bisher macht mir der Abend viel Spaß“, flötete Steffi Hoffmeister. Auch Sebastian Kotters glasige Augen verrieten, dass der 17-jährige bisher eine gehörige Portion Spaß und etliche kleine Feiglinge intus hatte: „Meine Eltern hören viel Oldies, deshalb kenne ich viele der Lieder die heute gespielt werden. Ich finde das gut, das ist mal was anderes. Man muss ja nicht immer HipHop oder House hören.“ Im Saal hatte die Stimmung inzwischen ihren Siedepunkt erreicht. Prickelnd wie ein randvoller Eimer grauer Dispersionsfarbe. Schwitzende Landwirte, mit roten Köpfen, die „die Lamp’ am blinke ham“, wie man hier so schön sagt, saßen auf den aufgebauten Bierbänken herum, hieben halbvolle Bierhumpen auf die Tische und grölten lauthals den Refrain von Status Quos „In the Army now“ mit. Erinnerungen an die Bundeswehrzeit wurden bestimmt bei vielen wach. Der 52-jährige Horst Rappelt bestätigt das indirekt: „Das ist geil hier, wie früher in meiner Jugend. Heute machen wir einen drauf, mindestens bis drei Uhr!“ Dann ergriff ihn die Polonaise und spülte ihn weg auf das knallrote Gummiboot zu, dass heftigen Wellengang auf der Tanzfläche verursachte. Um Punkt zwei Uhr wünschte der „Plattenleger“ den anwesenden Partygästen einen „Lazy Afternoon“ und schickte die Wollmerschieder in die dunkle Nacht hinaus. Dann war das Spektakel zu Ende.

Danilo Schinkel, Pressesprecher der „Borschter Blaubärn“ wird am nächsten Tag von einem „vollen Erfolg“ sprechen und droht „wir sehen uns auf der nächsten Disco.“

Ich war dort draußen im Unbekannten. Ich war „where no man has gone before“, ich war in den Tiefen des Universums, ich habe in Abgründe geblickt und das Grauen gesehen: Doch ich habe überlebt.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen und Gebäuden sind rein zufällig.

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Written by Falk Fatal

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