WIESBADEN PUNKROCKCITY

SchmuckbildWiesbaden Punkrockcity? Aber sicher! Zumindest alle Schaltjahre. Das Wochenende vom 19. – 22. April war mal wieder so ein Ereignis. Vier Konzerte in drei Tagen, dazu allerorten ausschweifende Parties. Mit dabei waren unter anderen Anti-Flag, Nothington, Red City Radio, All Aboard und einige mehr. Ein Split-Bericht von der Front von Hannes und Falk Fatal.

19. April 2012: An manchen vielen Tagen ist Wiesbaden, was Punkrock angeht, einfach eine scheiß Stadt. Wochenlang muss man gute Konzerte mit der Lupe suchen und findet trotzdem keins, und dann kommt es mal wieder geballt. So wie heute.

Im ausverkauften Schlachthof spielen Anti-Flag, in der 50 Meter Luftlinie entfernten Kreativfabrik treten Nothington auf. Die Wahl fällt mir nicht schwer. Anti-Flag finde ich langweilig, Nothington toll. Und sowieso habe ich eh keine Karte für Anti Flag. Irgendwann nachdem der Regen aufgehört hat laufe ich den Ring herunter. Treffe unterwegs Daniel, den ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Er geht zu Anti Flag, ich zu Nothington – da werden sich die Wege wieder trennen. Am Schlachthof trinken wir noch ein Bier und dann geht jeder zu „seinem“ Konzert. Die Kreativfabrik ist gut gefüllt. Tragic Vison spielen ihre letzten Songs. Die habe ich ja auch schon ewig nicht mehr gesehen. Sechs, sieben Jahre? Oder mehr? Keine Ahnung. Als sie fertig sind, schnappe ich mir Gitarrist Gabor und wir quatschen, rauchen, trinken eine Weile. Toller Typ. Am Schluss wird er mir noch die neue LP seiner Band schenken. Und die ist gut! Schön rauer, leicht vertrakter Emocore. Tipp! (Falk Fatal)

Komischer Tag heute, es regnet wieder einmal. Heute ist Mittwoch und es werden Anti-Flag in der schönen Räucherkammer des Schlachthofs spielen. Ich bin sehr gespannt, wie die doch so großen Punks aus Pennsylvania die kleine Location bespaßen werden. Im Bus höre ich die neue Municipal Waste-Platte. Die wird mir sicher in ein paar Tagen gefallen. Am Schlachthof angekommen hoffe ich auch auf bekannte Gesichter zu treffen, doch nur wenige sind da – bekannte Gesichter. Die Räucherkammer ist schon lange ausverkauft, da Anti-Flag mittlerweile größere Hallen füllen. Und da will doch jeder mal ne Club-Show sehen. Ja, jeder. Der Skater von nebenan, der Klassenprimus, der sich sein wallendes und akkurat geschnittenes Haupthaar zum Iro geformt hat und einige ältere Semester, die wohl Anti-Flag auch zu schätzen wissen – oder einfach nur erfahren wollen, was die Tochter mit pinken Haaren wohl auf so einem Konzert macht. Aber das leckere Weizen scheint wohl alle Unsicherheit wegzuspülen. Pünktlich geht’s los, es beginnen Hostage Calm. Irgendwie langweilig, irgendwie Pop-Punk für Jungs und Mädels in viel zu bunten T-Shirts mit niedlichen Monstern drauf. Ist nicht meins. Aber auf die nächste Band freue ich mich, das Album habe ich rauf und runter gehört. Die Band heißt Red City Radio und das klingt so. Hot Water Music – Jawbreaker – Dillinger Four. Die Buben haben Spaß und ich auch. Einige wenige Gäste kennen so ziemlich jedes Lied auswendig und singen lauthals mit – der Klassenprimus schüttelt seinen Iro und der hält. Alles richtig gemacht. Unter den Gästen befinden sich auch gute Freunde der Band, die Kollegen von Nothington, die in der Kreativfabrik gleich nicht mehr ganz nüchtern ihren Auftritt abliefern werden. Die Show der sympathischen Oklahomaesen war richtig gut, aber für viele auch nur ein Pausenfüller bis Anti-Flag endlich anfangen. Die Umbaupause wird genutzt, um nochmal einen tiefen Schluck aus dem eiskalten Wasserbecher zu nehmen, man will ja gut vorbereitet sein für seine Stars und nicht mit trockener Kehle mitsingen. (Hannes)

Während Gabor und ich noch vor der Kreativfabrik stehen und labern, fangen drinnen schon Nothington an. Die Kreativfabrik ist gut gefüllt. Etwa 80 Leute dürften da sein. Das hätte auch anders ausgehen können. Die Stimmung ist, die Band offensichtlich gut angeschickert. Eine Gruppe Amis feiert Nothington frenetisch ab. So langsam tauen auch die Einheimischen auf, die ersten Bierduschen folgen. Ein paar Unbeirrte versuchen sich im Crowdsurfing, was nicht recht gelingen will. Während den Songs lallt der Sänger irgendein besoffenes Zeug oder trinkt einfach Bier. Bei „Where I stand“ brechen dann alle Dämme. Das Publikum entert die Bühne, schnappt sich die Mikros und grölt jede Zeile – nicht immer textsicher – mit. Dann ist das Kkonzert auch schon vorbei. Nicht mal 12 Uhr. Sehr arbeitnehmerfreundlich. Danke. Am Merchstand vertickerten Nothington ihre Platten und Shirts mit Rabatt. „Here take it for ten. Sorry for our drunken singer.“ Feiner Zug. Von mir aus kann der immer besoffen singen, wenn das Preisnachlass bedeutet. Nocch schnell ein Bier an der Theke, Händeschütteln, Küsschen rechts, Küsschen links und dann ab ins Taxi. Morgen wartet die Arbeit. (Falk Fatal)

Das Licht geht aus und die Spiele beginnen.

Es werden einige Stücke, der gerade erschienen Platte gespielt. Alle singen mit. Die Kids haben wahnsinnig spaß und strahlen. Ich weiß nicht, was ich von der Situation halten soll, einerseits mag ich schon 2-3 Stücke von Anti-Flag, andererseits bin ich doch sehr irritiert vom Publikum. Es ist schwer einschätzbar wie viel die Kids & Adults aus den durch und durch anklagende und politische Stücken so rausziehen. Der Höhepunkt meiner Verwirrung wird beim Stück „Fuck Police Brutality“ erreicht. Alle heben den obligatorischen Mittelfinger – da wird selbst mal das Weizen in die andere Hand gewechselt um gegen den vielleicht zu unfreundlichen Polizisten, der den Familienschlitten hat abschleppen, lassen zu protestieren. Auf der anderen Seite bin ich aber froh, dass Lieder mit solchen Texten auch bei Leuten ankommen, die nicht von Beruf und Berufung Rumpelpunker sind. Ich blende alles aus und lausche der Musik. Die Show von Anti-Flag gefällt mir, gut gespielt und unterhaltsam. Die politischen Ansagen zwischen den Songs kenne ich schon und langweilen mich. Aber die Leute sollen ruhig was mitnehmen. Die letzte Zugabe wird mitten im Publikum gespielt, der Schlagzeuger hat viel Spaß dabei und genießt das Bad in der Menge, was wirklich sympathisch ist. Die Polit-Punks haben trotz ihres Ruhms nie den Kontakt zu ihrem Publikum verloren und das ist gut so. Das Licht geht an und alles ist vorbei. War ein sehr schönes Konzert in der Räucherkammer, wobei es doch ein wenig mehr von der Decke hätte tropfen können.

So ist nur meine Hose noch nass vom regnerischen Hinweg. Aber das ist ja auch irgendwie Punkrock. So wie alles heute. (Hannes)

20. April 2012: Der Wecker klingelt auch am Führergebrutstag Punkt 7 Uhr und ich springe frühlingsfrisch aus den Federn. Im geiste danke ich der Roten Armee für ihren erfolgreichen Kampf gegen die Barbarei. Dannn schnell zehn Kniebeugen, 20 Liegestütze, 100 Sit-Ups. Als nächstes steht  Jonglieren mit den Hanteln auf dem Programm. Einen Halbmarathon später stehe ich unter der Dusche, kleide mich anschließend an und bin gut gelaunt pünktlich um 8 Uhr auf der Arbeit. Wenn nur jeder Morgen so wäre. Neun Stunden später komme ich immer noch gut gelaunt nach Hause, packe meine Plattentasche, esse eine Kleinigkeit und schlendere die drei Meter von meiner Wohnung rüber zum Sabot, wo heute All Aboard, Red City Radio und Leagues Apart spielen werden. Vorm Sabot quatsche ich ein bisschen rum und warte auf Mario, mit dem ich heute Abend in der Kreativfabrik auflegen werde. Heute kein Punk. Dafür steht Swing auf dem Programm. Im Sabot soll es aber gut gewesen sein, wie mir etliche Leute später erzählen werden. Schade, da wäre ich gerne dabei gewesen, aber die Pflicht ruft! Mario wartet mit quietschenden Reifen vor dem Sabot.

Die Kreativfabrik füllt sich langsam, doch ab 24 Uhr ist der Laden plötzlich voll und die Party kann steigen. Mario und ich legen einen Hit nach dem anderen auf, und ich bin mal wieder überrascht, was für geile Partymusik Swing doch ist. Die Leute tanzen ausgelassen, fröhlich, friedlich. Keine Idioten am Start, die grapschen oder sonst wie Stress machen, der die Party ruinieren könnte. Als ich abgekämpft ins Taxi steige, ist es schon hell.

21. April 2012: Mein Morgensport fällt heute aus. Ich wache erst am frühen Nachmittag auf. Kaffee, Brötchen und der Sportteil der FAZ müssen mich heute wieder auf die Beine bringen. Das gelingt nur schleppend. Irgendwann ist es 20 Uhr, als ich bei Hannes auflaufe. Eine gute Stunde zu spät. Nicht schlecht Herr Specht. Schnell mal mein neues WG-Zimmer in Augenschein genommen, die Plattensammlung meines neuen Mitbewohners gecheckt. Alles in Ordnung. Ab morgen werden Umzugskartons gepackt.

Dann ab in den Kulturpalast. Findus aus Hamburg stehen heute auf dem Programm. Das Publikum der totale Kontrast zu den vergangenen beiden Tagen. Alle sind sehr Indie. Naja, ich bin ja nicht wegen dem Publikum da. Die Vorband ist Schrott. Ein Mann und eine Frau teilen sich die Bühne. Sitzen auf Barhockern und zupfen ihre Akustikgitarren. Fehlt nur noch das Lagerfeuer. Klingt mir alles zu sehr nach Pfadfinder. Erstmal rauchen. Das klappt ganz gut. Eine halbe Schachtel später beginnen endlich Findus. Der KP ist mittlerweile ganz gut gefüllt. Schätzungsweise 60 Zuschauer und Zuschauerinnnen schauen sich die Hamburger an und haben Spaß. Ich auch. Danach noch im Backstage abhängen und über St. Pauli diskutieren. Sinnlos, aber lustig. Irgendwann ist es 2 Uhr. Die Indiedisco ist voll im Gange und ich suche das Weite. Vorher noch meine Kopfhörer und Schallplatten eingepackt, die ich hier beim letzten Mal auflegen vergessen habe und dann ab nach Hause. Da wartet ein Bett auf mich.

22. April 2012: Ich pendle zwischen Bett und Couch, zappe durch die 25 Kanäle, die mein DVB-T zu bieten hat. Bleibe irgendwann bei der Sportschau hängen und schaue mir danach endlich meine „Filth and Fury“-DVD an. Die beiden italienischen Hardcorebands im Sabot spare ich mir heute. Punk findet heute nur auf der Couch statt. Too much is too much. (Falk Fatal)

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Written by Falk Fatal

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