HASSTAG

Was für ein beschissener Tag!

Der Morgen begann mit einem Zahnarzttermin, ging weiter mit einer betäubten Backe und fand seinen ersten Höhepunkt mit einem Schmerzensschrei, als mir der brandheiße Kaffee, beim Versuch ihn mit einer betäubten Backe zu trinken, übers Kinn auf das T-Shirt lief. Die ganze S-Bahn starrte mich an. „Was gibt´s denn da zu glotzen, Ihr Pisser?“ Es war kurz nach neun und ich war geladen! In der Bibliothek gab ich die Bücher mit zwei Wochen Verspätung ab und zahlte zähneknirschend 25 Euro. Zurück am Bahnhof stellte ich fest, das irgendein Riesenarschloch meine Fahrradreifen aufgeschlitzt hatte. Man muss negative Gefühle in positive Energie umsetzen. Ich trat gegen einen Mülleimer, der aus seiner Halterung flog und seinen Müll über den Bahnhofsvorplatz ergoß. Total gut gelaunt schob ich mein Fahrrad nach Hause. Ich beschloß, mir etwas Entspannung zu gönnen. Am Kiosk kaufte ich mir einen Sixpack und zog in Fußgängerzone. Dort betrachtete ich total gut gelaunt dieses komische Pärchen, das mit ihren Pudel Kunststücke vorführte. Wie die Jakob Sisters, nur ohne Gesang und mit mehr Testosteron. Allerdings wurden meine „Fass!“ Rufe mit äußerst missbilligenden Blicken aufgenommen. Nach drei Pils zog ich weiter. In einem Billigladen erstand ich einen chinesischen Supersoaker Verschnitt. Auf der McDonalds Toilette füllte ich ihn mit Eigenurin (soll ja angeblich gegen alles helfen!) und begann meinen eigenen Waterpistolriot Amoklauf durch die Innenstadt und spritzte Passanten mit meiner Supersoaker nass. Mehr als einmal entging ich nur knapp einer blutigen Fresse. Nach einer Weile drückte ich einem kleinen Junge meine Supersoaker in die Hand und wünschte ihm viel Spaß. Es ist wahr. Ein Kinderlachen kann die kältesten Herzen zum Glühen bringen!

Langsam wurde es Zeit den Heimweg anzutreten. Am Moritzkiosk erstand ich für wenig Geld noch drei Becks und machte mich nach Hause.

Johnny saß auf der Couch und trank schon fleißig Pils. Ich öffnete mein Bier und nahm einen tiefen, langen Schluck. Genüsslich ließ ich das Bier meine Kehle hinunter fließen. „Kommst Du mit zu Dean Dirg“ fragte mich Johnny. Verdammt heute ist ja der 15.! Yeah, natürlich, da bin ich dabei. Es war erst kurz vor acht, also noch viel Zeit bis zum Konzert. Die nächsten zwei Stunden verbrachten wir mit DVD glotzen. Wir schauten uns den unglaublich schlechten Zombie Woodoo an und danach zur Einstimmung „Staplerfahrer Klaus – der erste Arbeitstag“. Yeah. Danach wurden die Taschen am Kiosk mit Bier voll gepackt und los ging es zu Dean Dirg.

Wiesbaden, Hessens Hauptstadt, der Schmelztiegel der geistig Armen, das Paradies der Ewiggestrigen, der Himmel auf Erden. Johnny und ich ernteten bezaubernde Blicke auf unserem Weg zum Kulturpalast.

Der Kulturpalast war schon gut gefüllt als wir den Laden betraten. Good Old Ulf begrüßte mich mit einem: „Es tut gut einen großartigen Tüpen wie dich hier heute Abend begrüßen zu dürfen!“ Völligst enthusiastisch drückt er mir ein Bier in die Hand, das ich natürlich nicht ablehnte. Der Ulf ist großartig. Einer der tollsten Tüpen dieser Stadt! Wirklich! Und Mädels, er ist zur Zeit Solo. Lasst euch diesen Fang nicht entgehen. Smalltalk und exzessiver Alkoholkonsum bestimmen die nächste halbe Stunde. Dann begannen The Pricks und ihr Crustpunk war echt für’n Arsch. Braucht kein Mensch. Aber dann kamen Dean Dirg und als sie Bühne betraten, verstand ich plötzlich all die negativen Gerüchte, die mein ungewaschenes Ohr bis dato gehört hatten. Der Sänger ist wirklich Wolfgang  Petry! Wow, das war wohl so eine Art Geheimgig? Aber tolerante Menschen (hüstel, hüstel…) lassen sich  ja vom Äußeren nicht abhalten. So auch ich. Und wirklich, Wolle ohne Freundschaftsbändchen rockte wie Hölle! Yeah, mehr davon. Geile Band! Kaum hatten Dean Dirg ihr viel zu kurzes Set beendet, drückte mir der überaus charmante und gutaussehende Ulf ein weiteres Bier in die Hand. Ulf, ich liebe dich!

Der Weg nach Hause gestaltete sich fröhlich und unbeschwert. Johnny hatte die Heimreise schon früher angetreten. Plötzlich fühlte ich mich wie fünfzehn und begann Mercedes Sterne zu sammeln. Bei den ersten zwei Mercedes ging das noch gut, beim dritten, irgendeine superschicke S-Klasse, heulte der Alarm los. Yeah, Adrenalin. Ich riss den Stern ab und rannte. Der Benz stand direkt vor dem schäbigen Pornokino, das mir vor Jahren, Nachtasyl gewährte ( damals wohnte ich noch außerhalb von Wiesbaden und der letzte Bus war schon lange weg und er erste ließ noch lange auf sich warten. Es war ein arschkalter Dezember und ich mietete eine Kabine für drei Stunden. Also machte ich es mir bequem in der Kabine und versuchte zu pennen. Das ging sogar, Alkohol hilft in solchen Situationen. Und was für Leute man im Pornokino trifft. Wow!), aber der Besitzer hatte wohl besseres zu tun. Keine Ahnung. Der Arkadas Kiosk hatte noch offen und ich erstand zwei Becks und eine kleine Flasche Jägermeister. Am alten Hertie machte ich eine Pause und setzte mich auf die Bank. Während ich so da saß, trank ich meine zwei Becks und kippte den Jägermeister. Der restliche Weg nach Hause gestaltete sich dann doch schwieriger als gedacht. Zum Glück ist die Oranienstraße sehr breit, denn ich brauchte die komplette Straßenbreite. Ein letzter Blick auf die Hausnummer. 44, ja, das ist meine Hausnummer. Unbeholfen öffnete ich die Tür und erklomm die Treppenstufen nach oben. Vor der Wohnungstür angelangt, zückte ich meinen Schlüssel und bekam ihn nicht ins Schloß. Scheiß Alkohol! Ich konzentrierte mich und versuchte es wieder. Nichts. Der Schlüssel passte nicht. Ich probierte die restlichen Schlüssel, mit dem gleichen Ergebnis. Ich klingelte Sturm. Johnny musste schon längst zu Hause sein. Keine Reaktion. Ich klingelte weiter. Und schrie und hämmerte mit der rechten Faust gegen die Tür. „Johnny Du Arsch, mach die Tür auf!“ Ich weiß nicht, wie lange ich schrie und an die Tür hämmerte. Ich vergaß alles um mich rum. Plötzlich packten mich zwei kräftige Hände und drückten mich mit Gewalt an die Tür. „Ey, was soll das?“ schrie ich überrascht. „Schnauze, Du Arsch. Du weckst das ganze Haus.“ Fuhr mich eine Männerstimme an.  „Wachtmeister Müller mein Name und Du kommst jetzt mit aufs Revier Freundchen. Gegen dich liegt eine Anzeige wegen Hausfriedensbruch und Lärmbelästigung vor.“ „Was?“ schrie ich fragend. Das ist ja wohl ein schlechter Scherz. Ich wohne hier.“ Jaja“ sagte der Bulle nur teilnahmslos und legte mir Handschellen an. „Du hast heute Abend ein bisschen zu viel ins Glas geschaut und jetzt nehmen wir dich mit aufs Revier.“ Dann zog der eine Bulle mich die Treppe runter, der andere schob von hinten. Ich schrie wie am Spieß und ließ mich auf den Boden fallen. Doch davon ließen sie sich nicht abhalten. Kurz darauf saß ich in einem Streifenwagen und wurde ins 1. Revier verfrachtet. Dort schmissen sie mich in eine Ausnüchterungszelle. Kurz darauf pennte ich ein, nur um etwas später unsanft geweckt zu werden. Mein Kopf schmerzt höllisch.

Am Schalter bekomme ich mein Portemonnaie, mein Handy und meinen Schlüssel wieder. Und dazu natürlich noch einen dummen Spruch vom Oberbullen gedrückt: „Viel Spaß zu Hause Jungchen. Und grüß deine Nachbarn von mir.“ Die restlichen Bullen versuchen krampfhaft ihr Lachen zu unterdrücken. Es gelingt ihnen auch fast. Als die Tür schon fast hinter mir ins Schloß gefallen ist, bricht es plötzlich hervor wie ein Orkan. Scheiß Bullen!

Plötzlich höre ich meinen Magen knurren, in einer Lautstärke, die wirklich ohrenbetäubend ist. Ich hatte schon seit über 24 Stunden nichts mehr gegessen. Ich ging zum HL, um mir etwas zum Frühstück zu holen. Zwei Brötchen und ein Becks müssen reichen.

Die alte Oma vor mir versucht schon seit geschlagenen fünf Minuten die 7,38EUR für drei Dosen Whiskas und zwei Flaschen Rotkäppchensekt zusammen zu bekommen. Dafür hat sie ein Einmachglas voller 1-Cent Stücke auf das Rollband der Supermarktgasse ausgeschüttet. Die Kassiererin macht einen ähnlich total gut gelaunten Eindruck wie ich. In meiner blühenden Phantasie packe ich Oma am Kragen und schreie sie an. Ob sie ihr beschissenes Geld nicht vor dem Einkauf abzählen könne, schließlich gäbe es noch Leute, die auch noch etwas anderes zu tun hätten, als den ganzen Tag in einer Supermarktschlange zu stehen. Es gäbe nämlich noch Leute, die ihre Rente erarbeiten müssen. Und das es ja auch in ihrem Interesse wäre, schleunigst aus diesem beschissenen Supermarkt heraus zu kommen, schließlich hätte sie ja noch weniger Zeit als alle anderen in der Schlange und im Supermarkt wolle sie doch nicht sterben. Nach weiteren zwei Minuten ist das nervige Zahlungsprozedere endlich beendet und ich bezahle meine zwei Brötchen und das Bier und schwöre mir, das nächste Mal wieder im Kiosk einzukaufen. Scheißegal ob das Bier dort dreißig Cent teurer ist. Die Lebensqualität sollte einem schon ein bisschen was wert sein.

Ich überquere die Straße und passiere den Esoterikbuchladen. Ich laufe weiter und frage mich, wann das neue Esoterikzentrum in der alten NASPAfiliale endlich aufmacht. Dieses wird seit Wochen schon durch große Zettel in den Fenstern angekündigt. Wahrscheinlich dauert das Ausfindigmachen von Wasseradern länger als gedacht. Für die Broschüren der Wiesbadener Zentrale von Universelles Leben habe ich nur ein müdes Kopfschütteln übrig. Was treibt die Menschen bloß in die Fänge solcher Bauernfänger? Haben die früher nie „Nepper, Schlepper, Bauernfängern“ mit Ede Zimmermann geschaut? Aber der war früher ja auch kriminell. Behauptet zumindest die BILDschlagzeile. Die Oranienstraße ist ganz schön spirituell geworden. Egal. Ich betrete die Nummer 44 und freue mich gleich zu Hause zu sein. Die 44 ist das Haus der Gerüche. Im Erdgeschoß wohnt seit kurzem eine asiatische Familie. Dort riecht es immer lecker nach Essen. Im ersten Stock wohnt die Kiffer-WG und dreimal dürft ihr raten, nach was es dort immer duftet. Der Puff im zweiten Stock riecht immer leicht süßlich und ein wenig antibakteriell. Im dritten Stock wohnt seit kurzem die Familie Kolak. Ich versuche möglichst lautlos vorbei zugehen. Ich will ihnen jetzt auf keinen Fall begegnen. Im vierten Stock schließlich, wo wir unser Domizil haben riecht es immer muffig und nach abgestandenem Alkohol. Ich öffne die Tür und Johnny begrüßt mich in Unterhosen und mit einem dickem Grinsen.

Home Sweet Home, endlich hast du mich wieder.

Was für ein beschissener Tag!

Erschienen irgendwann 2005…

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Written by Falk Fatal

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