MR SEX PISTOLS SUCHT LADY PUNK

Bin beschwipst. Im ICE-Restaurant Tristesse. Königsberger Klopse sind aus. Der Zug ruckelt. Die Bedienung fällt herum. Zum Glück mit leerem Tablett. Bier schmeckt trotzdem. Draußen rauscht Dunkelheit an mir vorbei.

Auf meinem Schoß die Zeitung von morgen. Auf einer Wirtschaftsverbandstagung gewesen. Da lag die Zeitung aus. Lauter wichtige Leute da. Die müssen heute schon wissen, was morgen am Frühstückstisch diskutiert wird. Ich gehöre jetzt dazu. Komisches Gefühl. Liegt vielleicht auch am Weißwein, den ich zuvor getrunken habe. Alles in allem ist meine Situation so schlecht nicht, denke ich. Noch eins, fragt mich die ICE-Kellnerin. Ja, sage ich und lese weiter die Überschriften, die morgen für Gesprächsstoff sorgen werden. Morgen kaufe ich mir keine Zeitung, weiß ja eh was drinne steht, denke ich, dann kommt schon das Pils. Ich denke an traurige Abschiede an Gleis 3, falschen Versprechungen in teuren Restaurants und noch falscheren Versprechungen an Imbissbuden, an Robert Johnson und den Blues, ein altes Piano, schlecht gestimmt, „Christmas Card from a Hooker in Minneapolis“ und die Romantik sozialistischer Vorstädte.

Eine Mischung aus, der Gedanke ist gut, nur die Welt ist noch nicht bereit, und das Gegenteil von gut, ist gut gemeint. Ich mag das ja, den Riss im Beton, die abgeplatzte Farbe, das mit Rost überzogene Klettergerüst, die verlaufene Schminke, die Laufmasche in der Netzstrumpfhose, die verstimmte Gitarre, den schiefen Ton, die falsch gesetzte Pointe und die peinlich-berührten Lacher, das Gaffaband, das den Brillensteg ersetzt, die Uhr, die drei Minuten zu früh das neue Jahr einläutet. Wahre Schönheit ist unperfekt.

Anders Jugendzentren in Kleinstädten. Da ist Schönheit immer streng funktional. Der Zweck heiligt die Einrichtung und den Anstrich. Innen regiert viel weiß an den Wänden. Kein Geschmiere, kein „Ingo de Lunch hat Hunger“, kein „Mr. Sexpistols sucht Lady Punk“, kein „Jesus Christ Motherfucker Rocks the House“ oder „Tibor was Here“ ist mit Edding angepinselt. Keine verblichenen Plakate berichten von Zeiten, als Musik noch wild und gefährlich war – auch in Bad Klein Irgendwo. Nicht mal Aufkleberfetzen babben herum. Allenfalls in den Toilettenkabinen findet sich ein kleiner Beweis, dass es schon Menschen gab, die den Laden in früheren Zeiten betreten haben, weil die Putzfrauen den kleinen Eddingpimmel, den ein Jugendlicher links unten, hinter der Kloschüssel angezeichnet hat, übersehen haben.

Das Laminat ist blank gewienert, die Einrichtung sachlich, ganz dem Zweck verpflichtet. Tische und Stühle immer halbhoch, damit sowohl Alt und Jung sich den Rücken kaputt machen kann. Kleinstädtische Jugendzentren haben so viel Seele wie Jugendzimmer von Ikea. Nüchterne Sachlichkeit regiert, damit sich sowohl die Bolero-Tanzgruppe (jeden Mittwochabend von 19 bis 21 Uhr), die Hausaufgabenhilfe für schwererziehbare Jugendliche, der Pfadfinderkreis oder die örtliche Antifa hier treffen kann, die natürlich anders heißt, irgendwas mit „Bad Klein Irgendwo bleibt bunt“ oder so. Mit Politik wollen kleinstädtische Jugendzentren nichts zu tun haben. Nicht zu vergessen die Proberäume, in denen sich der örtliche Muckernachwuchs trifft. Das Resultat? Da es für bei Jugendlichen beliebten Stilrichtungen, außer Heavy Metal, nicht genügend Musikanten gibt, ist der Sound der Kleinstadt meist ein ganz übles Crossover-Gebräu aus Ska, Reggae, Hip Hop, Punk und Heavy Metal. Bei Bandwettbewerben reicht das immerhin für vordere Platzierungen.

Die Veranstaltungen, oft öde. Die Jugend trifft sich, egal was kommt. Ob Schlappiro, Glatzkopp, Metaller oder Stino. Hier wird Unity noch gelebt. Der Sozialarbeiter ist trotzdem fast immer genervt. Das städtische Jugendpflege auch nach 16 Uhr und an Wochenenden stattfindet, hatte ihm während seines Studiums keiner erzählt. „Ach, und geraucht wird draußen! Und um Punkt 24 Uhr ist die Musik aus!“

Es verwundert daher kaum, dass das Publikum in kleinstädtischen Jugendzentren bei Veranstaltungen für junge Leute nie älter als 20 Jahre alt ist. Wer sein Abitur in der Tasche hat, haut ab. In die nächst größere Stadt. Oder gleich nach Berlin und wird wenigstens cool. Zurück bleibt Tristesse und dieses eine Fachwerkhaus, in dem einmal Goethe, Schiller, Wagner, Bach oder Adenauer übernachtet hat, und das seit jener Zeit der kulturelle Nukleus von Bad Klein Irgendwo ist. Zu verfehlen ist es nicht. Tausend Hinweisschilder erklären den Weg.
Wer kein Abitur hat, bleibt zurück und macht was mit Handwerk. Ist dann aber zu alt für den Scheiß im JUZ. Stattdessen freut man sich aufs Schützenfest, die Kerb und die Media-Markt-Werbespots mit Mario Barth. „Der hat so recht. Frauen haben einfach keine Ahnung von Subwoovern.“

Ich auch nicht. Ein Glück.

Draußen rauscht noch immer Dunkelheit vorbei. Letzte Runde im ICE-Restaurant. Ich nehm‘ zwei Pils. Immer noch beschwipst. Der Zugbegleiter (hieß das früher nicht Schaffner?) meint es gut. Statt Verspätungsdurchsage gibt es Chris Rea’s „Driving Home for Christmas..“ Ich nehme einen kräftigen Schluck. Wappne mich für das, was da kommen mag. Wie heißt es so schön? Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten.

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Written by Falk Fatal

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