FALK FATAL ÜBER FANATISMUS

FussballDie Welt ist voll von Fanatikern. Und das ist gut so! Ich meine damit natürlich nicht die wild gewordenen Muselmänner, die meinen Brandbomben werfen zu müssen, nur weil jemand bei YouTube ein Video hochgeladen hat, in dem behauptet wird, der Bart des Propheten sei gefärbt gewesen. Oder diese Christenspinner, die vor Abtreibungskliniken lauern und skandieren: „Wählt den politischen Frühling, die CDU muss ran.“ Nein, ich meine den netten Fanatiker von nebenan, der eigentlich keiner Fliege etwas zuleide tun will. Der Fanatiker, der in uns allen steckt. Die meine ich.

Ich habe einen Freund. Der ist Fanatiker. Er selbst würde das gewiss abstreiten und sich normal nennen. Doch er ist nicht normal. Die Indizien sprechen dagegen. Normale Männer verzichten darauf, den Rasen zu mähen, das Auto zu putzen oder gepflegt am Brunnen abzuhängen, wenn es regnet, stürmt oder schneit. Und was macht mein Freund? Der steigt in einen Reisebus gemeinsam mit stinkenden, grölenden, besoffenen Männern und fährt mit denen stundenlang nach Aue. Und da steht er dann, während es hagelt, stürmt und schneit, und schaut sich eine weitere Auswärtsniederlage seiner Mannschaft an. Wenn er dann wieder zuhause ist, ist er eine Woche lang schlecht gelaunt. Aber nicht, weil er im Regen stand und Hagelkörner so groß wie Ritter Sport Minis seinen Kopf zerbeult haben, sondern weil sein Klub verloren hat. Das verstehe wer will, aber Normal ist das nicht.

Anderer Freund, anderes Beispiel. Dieses Mal geht es um Musik. Um 7“s und Erstpressungen und horrende Sammlerpreise. Mittlerweile dürften Singles im Wert eines Kleinwagens im Plattenregal des Freundes schlummern. Und ich bin mir sicher, irgendwann wird daraus ein Mittelklassewagen. Und wenn man ihn fragt, warum er sich nicht auch mit den deutlich preiswerteren Nachpressungen zufriedengibt und mit dem gesparten Geld auf Weltreise geht, ernte ich zunächst ein Schulterzucken und dann die Antwort, ganz im Tonfall des Gitarristen von Spinal Tap, wenn er erklärt, warum der Volumeregler seines Verstärkers bis elf geht: „Weil es keine Erstpressungen sind.“ Verstehen muss man das nicht, aber normal ist anders.

Anderer Freund, neues Beispiel, wieder Musik. Es geht um Fan-Sein. Im Punk eigentlich ja ein No-Go. Aber gut. Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Um die „Do’s and Don’ts“ des Punks soll es hier ja auch nicht gehen. Sondern um Fan-atismus. Und da ist mein Freund ganz weit vorne. Er ist praktisch der Lance Armstrong unter den Nachbarschafts-Fanatikern.

Mein Freund liebt eine Band. Die gibt es schon seit mehr als 30 Jahren. Hat in dieser Zeit unzählige Platten veröffentlicht, vor allem die Ersten sind ganz gut. Mit denen wuchs er auf und so hat er die Band lieben gelernt. And true love never dies. Selbst wenn die Geliebten heute nur noch unhörbaren Schott veröffentlichen. Er steht dazu. Und er ist ein Mann mit Prinzipien. „Was ich einmal anfange, bringe ich auch zu Ende“, sagt er und sammelt weiter alles, was er von der Band in die Finger bekommt. Er dürfte mittlerweile fast einen Kleiderschrank voll mit Shirts der Band haben. Poster und Plakate stapeln sich in seiner Wohnung (aufhängen will er sie nicht). Die Platten und CDs besitzt er sowieso. Auch die Bootlegs! Ich hoffe für ihn, dass besagte Band nicht so alt wie die Stones werden will.

Nicht zu vergessen ein alter Bekannter von mir. Er ist ein ruhiger Kerl. Kein Mann großer Worte. Doch einmal im Jahr ist es um ihn geschehen. Dann tickt er aus und ist nicht mehr wieder zu erkennen. Immer im Sommer, kurz bevor eine neue Bundesligasaison beginnt, verwandelt er sich vom Typ Verwaltungsfachangestellten in einen fanatischen Fußballsammelbildchensammler, der vor nichts zurückschreckt, um an sein Ziel zu gelangen. Einmal habe ich ihn erlebt, wie er in einem Kiosk alle Sammelpackungen aufgekauft hat, weil er wusste, die beiden kleinen Jungs, die hinter ihm in der Schlange standen, wollten auch Fußballbildchen kaufen. Bloß der Konkurrenz nichts gönnen, sei seine Devise, raunte er mir später zu.

Ist solch ein Verhalten nicht sowas von sympathisch? Zaubern einem diese Fanatiker nicht ein Lächeln ins Gesicht? Wäre unser Leben nicht öder ohne sie? Die Fragen sind natürlich rein rhetorischer Natur. Und die Antwort lautet immer „Ja“. Ich mag meine Fanatiker. Ich möchte sie nicht missen. Ich suche übrigens noch die Sammelbilder Nummer 164 und 349. Wer helfen kann, bitte melden.

Falk Fatal//FRONT

Ursprünglich erschienen im Punkrock #16

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Written by Falk Fatal

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