ALEX OGG – California über alles. Dead Kennedys – Wie alles begann Buch

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Alex Ogg hat mit “California über alles. Dead Kennedys – Wie alles begann” eine interessante und lesenswerte Biografie über die Anfangstage der Dead Kennedys geschrieben. Wer sich nur ein bisschen für die Geschichte des Punk interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

“California über Alles. Dead Kennedys – Wie alles begann” ist angeblich das erste umfassende Buch über die Dead Kennedys. So steht es auf dem Buchrücken und man reibt sich verwundert die Augen. Wirklich das erste Buch? Es gibt Bücher über die Sex Pistols, über The Clash, Black Flag, The Ramones, Minor Threat, Die Toten Hosen, Slime und viele andere, unbedeutendere Bands. Aber über die neben den Ramones vielleicht wichtigste und prägensten amerikanischen Punkband gibt es kein Buch? Richtig. Bücher über die Dead Kennedys sucht man vergebens. Dabei gäbe es viel über die Band zu erzählen.

Warum es bislang kein Buch über die Dead Kennedys gibt, erfährt man im Vorwort von Autor Alex Ogg. Ursprünglich war das Buch als Text für das Booklet einer Neuveröffentlichung zum 25-jährigen Veröffentlichungsjubiläum von Fresh Fruit for Rotting Vegetables gedacht. Dass der Text nie in dem Booklet erschien, lag in erster Linie natürlich an dem Streit zwischen Jello Biafra auf der einen Seite und dem Rest der Band, zuvorderst East Bay Ray und Klaus Flouride. Vordergründig ging es in dem Streit um die Verwendung von “Holyday in Cambodia” als Musik für einen Levi’s Werbespot. Biafra war dagegen, die andern dafür. Jello Biafra verlor schließlich den Rechtsstreit und Alternative Tentacles den Backkatalog der Band und damit natürlich einen Haufen Geld, denn die Platten der Dead Kennedys sind auch heute noch begehrt. Mittlerweile wird auch wieder getourt – allerdings ohne Jello Biafra. Es ging und geht in diesem Streit aber auch darum, wer die Lieder geschrieben hat und damit natürlich auch um Tantiemen und Geld. Es geht aber auch um verletzte Eitelkeiten, übergroße Egos und die Deutungshoheit über die Geschichte der Band.

california_ueber_allesWie kleinlich dieser Streit geführt wird, zeigt eine kleine Begebenheit im 2. Kapitel. Es geht um die Frage, wie lange das erste Konzert der Dead Kennedys gedauert hat. Eigentlich kein großes Thema, sollte man meinen. East Bay Ray schätzt, dass der erste Gig 15 Minuten gedauert habe. Jello Biafra beharrt darauf, dass das Konzert 11 Minuten dauerte. Dieses Beharren auf der Richtigkeit der eigenen Behauptung, selbst wenn es für die Geschichte der Band überhaupt keine Rolle spielt, durchzieht das komplette Buch. East Bay Ray sagt etwas, Jello Biafra korrigiert es oder umgekehrt. Ziemlich traurig, was aus dieser so bedeutenden und politisch anspruchsvollen Band geworden ist. Andererseits verleiht dieser Konflikt dem Buch eine gewisse Dynamik, die bei Friede, Freude, Eierkuchen nicht gegeben wäre.

Soll sich jeder seine eigene Meinung zu diesem Streit bilden. Für mich ist spätestens nach der Lektüre von “California über alles. Dead Kennedys – wie alles begann” klar, dass die Gleichung Jello Biafra gut, der Rest der Band geldgeil und böse etwas zu einfach ist. Es gehören schon zwei Seiten dazu, um einen Konflikt so eskalieren zu lassen.

Aber kommen wir zurück zum Buch. Das ist leider keine komplette Bandbiographie, da es nur die Anfänge der Band bis zur Veröffentlichung der ersten LP “Fresh Fruit for Rotting Vegetables” erzählt, die zurecht immer wieder als eine der besten Punkplatten aller Zeiten bezeichnet wird. Neben den Bandmitgliedern kommen auch zahlreiche weitere Protagonisten und Zeitzeugen zu Wort. So werden die ersten Jahre der Band detailliert nacherzählt. Für manche vielleicht zu detailliert, da auch der Produktionsprozess der ersten beiden Singles und des Albums ausführlich beschrieben werden. Ich finde das aber nicht schlimm, sondern sogar sehr interessant.

Obwohl das Buch rund 230 Seiten hat, ist es schnell durchgelesen. Das liegt zum einen daran, dass das Buch viele, zum Teil unveröffentlichte, Bilder, Konzertflyer, Zeitungs- und Fanzineausschnitte und Coverentwürfe enthält. Die reine Textmenge also deutlich geringer ist. Das liegt zum anderen aber auch daran, dass “California über alles” einfach gut und flüssig geschrieben ist – gebührt auch dem Übersetzer ein Lob. Das ist in diesem Fall Ox-Herausgeber Joachim Hiller, der das Buch nicht nur übersetzt, sondern an der einen oder anderen Stelle auch mit sinnvollen Fußnoten ergänzt hat. So ist man mit dem Buch viel zu schnell durch und ärgert sich, dass es schon mit der Veröffentlichung von “Fresh Fruit for Rotting Vegetables” und den Reaktionen darauf endet. Ich hätte gerne auch die weitere Geschichte der Band aus der Feder von Alex Ogg verfolgt. Die gibt es hier nur stichpunktartig zu lesen. Angesichts des zerrütteten Verhältnisses der Bandmitglieder ist es auch sehr unwahrscheinlich, dass es jemals eine komplette Biografie unter der Beteiligung der ehemaligen Bandmitglieder geben wird oder das sich ein Autor findet, der sich das antun möchte.

Abgerundet wird dieses tolle Buch durch einen kurzen Artikel über den Grafiker Winston Smith, der mit seinen Collagen und Artworks maßgeblich für den grandiosen Look der Dead Kennedys- (und zu anfangs der Alternative Tentacles-)Veröffentlichungen verantwortlich war. Einzig die 14 Seiten, auf denen Zitate prominenter Musiker über die Bedeutung der Dead Kennedys gesammelt sind, sind ein bisschen zu viel. Die Hälfte hätte es auch getan. Aber ansonsten ein wirklich gutes Buch, dass allen zu empfehlen ist, die sich auch nur ein wenig für die Geschichte des Punks interessieren.

“California über alles. Dead Kennedys – Wie alles begann” (ISBN 978-3-95575-008-4) ist im Ventil Verlag erschienen

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Written by Falk Fatal

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