GIG-Bericht: TON STEINE SCHERBEN, 1.10.2015

Ton Steine Scherben ohne Rio Reiser. Kann das funktionieren? Ich habe bei ihrem Auftritt im Schlachthof Wiesbaden die Antwort gesucht.

Es ist sicher keine Untertreibung, wenn ich Ton Steine Scherben als eine der wichtigsten deutschen Rockbands bezeichne. Für den Punk in Deutschland gilt das auf jeden Fall. Ton Steine Scherben waren so etwas wie die musikalische Stimme der linksradikalen Bewegung der frühen 1970er Jahre. Keine linke Demo (auch heute noch), auf der nicht eine ihrer Widerstandshymnen wie „Keine Macht für Niemand“, „Die letzte Schlacht gewinnen wir“, „Mensch Meier“ oder der „Rauch-Haus-Song“ läuft. Was sie sangen, versuchten sie auch zu leben. Sie musizierten nicht nur miteinander, sie lebten teilweise auch zusammen. Mit ihrem eigenen Label David Volksmund Produktionen versuchten sie den Vermarktungsmechanismen der Plattenindustrie zu entgehen.

Doch nicht nur mit ihren politischen Texten wurden sie ein Vorbild für viele linke Bands, sondern auch mit ihren Konflikten mit der linken Szene. Denn wer antikapitalistische Lieder spielt, darf damit natürlich kein Geld verdienen. Aber in einer kapitalistischen Welt kostet der Unterhalt einer Band Geld. Und wer besonders viel spielt, hat selten genügend Zeit um außerhalb der Band Geld zum überleben zu verdienen (Achtung, sehr zugespitzt). Gleichzeitig wollte die Band sich musikalisch und textlich entwickeln, was häufig bedeutet, dass das Songwriting komplexer (und oftmals auch eingängiger) wird. Fans der ersten Stunde tun sich damit oft schwer. Und schon macht der Vorwurf des Ausverkaufs die Runde. Ein Muster, das in der Form auch so manche Punkband schon erleben durfte.

Ton Steine Scherben zogen daraus ihre Konsequenzen und zogen 1975 von Berlin nach Fresenhagen in Nordfriesland. Waren die ersten beiden Alben klassischer Agitrock, wurde es ab der „Wenn die Nacht am tiefsten“ melancholischer, nachdenklicher und musikalisch vielfältiger. Zehn Jahre später war Schluss, die Band löste sich hochverschuldet auf. Sänger Rio Reiser startete danach eine kommerziell erfolgreiche Solo-Karriere. Mit seinem Tod 1996 schien die Möglichkeit einer Reunion vom Tisch. Doch seit 2014 sind Ton Steine Scherben wieder aktiv und spielen Konzerte. Als ich davon das erste Mal hörte, fragte ich mich, wie das ohne Rio Reiser funktionieren soll. Und mit meiner Frage war ich sicher nicht allein.

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Mit Handykamera von hinten fotografieren ist blöd, aber ich war fußkrank und konnte nicht näher ran. Glaubt mir also, wenn ich sage: auf der Bühne stehen Ton Steine Scherben.

Als Ton Steine Scherben am 1. Oktober Station in Wiesbaden machten, hatte ich Gelegenheit eine Antwort auf meine Frage zu finden. Gleich vorweg: es funktioniert. Die neuformierte Band, bei der mit R.P.S. Lanrue und Kai Sichtermann zwei Gründungsmitglieder sowie mit Funky K. Götzner ein weiteres Mitglied aus der Anfangszeit an Bord ist, teilt sich einfach den Gesang. Und arrangiert die Lieder etwas um, sodass man erst gar nicht anfängt, permanent den Vergleich zu Rio zieht.

Das Programm der rund zweieinhalbstündigen Show ist buntgemischt, das heißt, es gibt Songs aus allen Phasen der Bandgeschichte zu hören. Der Altersschnitt ist deutlich höher als bei den meisten anderen Konzerten im Schlachthof, ein Teil des Publikums könnte Ton Steine Scherben auch noch live erlebt haben. Für einige dürfte das damit ein Ausflug in die eigene, wildere Geschichte sein, die einem heute ein bisschen peinlich ist, wenn man verschämt die Fotos von damals hervorholt. „Ach schau doch mal, damals, die Haare. Und diese Klamotten, nee, nee, was waren wir wild damals.“ Vielleicht halten es manche der circa 500 Anwesenden aber auch frei nach dem Ausspruch des französischen Politikers Georges Clemenceau und denken sich: „Wer mit 20 Jahren nicht Anarchist ist, der hat kein Herz, wer es mit 40 Jahren noch ist, hat kein Hirn.“ Zumindest ist das Publikum beim Refrain von „Keine Macht für Niemand“ seltsam leise. Vielleicht ist dem naiven Optimismus, den viele Texte der frühen Scherben besaßen, aber auch die Erkenntnis gewichen, dass die Revolution dauert. Denn deutlich aktiver ist das Publikum bei „Die letzte Schlacht gewinnen wir“. Hier wird lauthals mitgesungen. Jede Niederlage bedeutet den nächsten Sieg. Optimistisch bis zum Ende.

Das klingt jetzt negativer als es war. Es war toll, Ton Steine Scherben zu hören – vor allem die Lieder der ersten beiden Platten, die mir immer noch am besten gefallen – und auch mitzusingen. Denn vor allem dieser Optimismus, den diese Lieder damals hatten, würde uns heute gut tun. Gleichzeitig war der Auftritt von Ton Steine Scherben wie ein Museumsbesuch. Man sieht Relikte aus einer vergangenen Zeit und versucht sich dadurch, die Vergangenheit begreifbarer und sichtbarer zu machen. Verstärkt wurde der Eindruck dadurch, dass die Band zwar sichtbar Spaß auf der Bühne hatte, aber nicht mit dem Publikum interagierte. Ich brauche nicht nach jedem Lied großartige Ansagen, aber gerade von Ton Steine Scherben hätte ich mir doch ein paar Sätze zu dem ganzen Scheiß, der zurzeit läuft, gewünscht. Das muss ja nichts hochtrabendes sein. Aber gar keine Ansagen (zumindest in der Zeit, in der ich im Konzertraum war, habe ich nichts gehört, ich war aber auch zweimal draußen rauchen). Fand ich dann doch komisch. Aber vielleicht ist das auch so gewollt.

So bleibt ein zwiegespaltenes Fazit: einerseits bin ich froh, Ton Steine Scherben mal live gesehen zu haben, aber noch einmal hingehen würde ich eher nicht mehr.

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Written by Falk Fatal

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