„Künstlerischer Stillstand ist der blanke Horror für mich“

We Are Temporary ist nicht nur ein großartiges Dark-Wave-Projekt aus Brooklyn, der Kopf dahinter ist auch mein ältester Freund. Da We Are Temporary gerade auf Deutschland-Tour ist, bot sich ein Interview über seine Musik, Nahtoderfahrungen, seine Herkunft und Einflüsse natürlich an. Es ist lang geworden und es ist spannend geworden. Viel Spaß beim Lesen!

We Are Temporary aus Brooklyn ist das gar nicht mehr so neue Dark-Wave-Projekt von Mark Roberts, das nun endlich auf Deutschland-Tour kommt. Mark kenne ich schon mein ganzes Leben. Und in diesem Fall stimmt es wirklich. Ich kenne ihn seit dem Kindergarten, also seitdem ich drei oder vier Jahre alt bin. Heute ich bin 37 Jahre alt und wir sind immer noch befreundet. Wir wuchsen in Hattenheim auf, einem kleinen Kaff im Rheingau. Nach dem Kindergarten gingen wir gemeinsam auf die Grundschule, später aufs Gymnasium. Nach dem Abitur trennten sich leider unsere Wege. Mark ging erst nach Chicago, später nach Neuseeland zum Studieren, ich nach Frankfurt und Mainz. Doch trotz der mehreren tausend Kilometer, die gewöhnlich zwischen uns liegen, riss der Kontakt nie ab und jetzt in Zeiten von Social Media sowieso nicht. Wir sehen uns leider viel zu selten, alle paar Jahre halt, aber wenn wir uns dann sehen, ist das vertraute Gefühl sofort wieder da. Ich bin glücklich Mark zu meinen Freunden zählen zu dürfen und ich freue mich, dass er jetzt in Deutschland auf Tour ist und hoffentlich den Erfolg einfährt, den er verdient hat. Doch bevor ich zu sentimental werde, möchte ich noch kurz sein Debüt-Album „Crossing Over“ ans Herz legen. Eine wunderbare Dark-Wave-Platte, die den bisherigen Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens darstellt. Viel Spaß beim Interview und besucht seine Konzerte!

Mark, zunächst einmal Kompliment zu “Crossing Over”. Dein Debütalbum ist großartig geworden.

Danke, Falk.

Die Pläne für ein Album hattest Du ja schon länger, warum hat es dann doch so lange gedauert, bis “Crossing Over” erschienen ist?

Ehrlichgesagt, ich habe ein schreckliches Zeitmanagement. Ich verschwende viel Zeit mit unwichtigen Produktionsdetails. Und wenn der Song dann endlich mal kurz vor der Vollendung ist, ist so viel Zeit vergangen, dass mich das Lied nicht mehr anregt oder sich nicht mehr relevant genug anfühlt. Mit anderen Worten: Ich bin der Typ von Produzent, der den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.

Glücklicherweise habe ich jetzt eine Lösung für dieses Problem gefunden: Ich werde künftig einfach kein Album mehr veröffentlichen.

Ernsthaft?

Naja, fast. Ich werde nicht mehr über ein Jahr an zehn bis zwölf Songs arbeiten und diese dann als ein Werk veröffentlichen. Diese Herangehensweise ist Gift für mich. Künftig werde ich einfach meine Lieder veröffentlichen, sobald sie fertig sind. Und wenn ich dann genügend Songs beisammen habe, werde ich die auf einem Album veröffentlichen.

Also praktisch wie in den Anfangstagen der LP, als der Longplayer nicht mehr als eine Single-Sammlung war.

Genau. Diese Arbeitsweise ist motivierender für mich, da es mir mehr Freude macht einen fertigen Song direkt zu teilen als ihn ein Jahr oder länger unter Verschluss zu halten bis ein neues Album fertig ist.

Würdest Du dich als Perfektionist bezeichnen?

Ja, ich bin definitiv ein Perfektionist, wenn auch ein lausiger. Folglich versuche ich den Übergang zum mäßig-guten Nichtperfektionisten zu schaffen.

Was bei Dir auffällt: Du gehst sehr offen mit Deinen Gefühlen und Erlebnissen um, die zu Deinen Songs geführt haben, und berichtest zum Beispiel in Deinen Newslettern und Facebook-Posts über Nahtoderfahrungen, Beziehungsproblemen und neulich hast Du sogar den positiven Schwangerschaftstest Deiner Ehefrau Mary gepostet. Hast Du keine Angst, dass Du dich mit dieser Offenheit angreifbar für Hater oder andere Menschen machst, die dich nicht leiden können?

Nein, sowas interessiert mich nicht im geringsten. Letztendlich sind wir alle bloß Säugetiere, die verwirrt und verlegen sind von unseren komischen psychischen Einschränkungen, unserer Bedeutungslosigkeit, dem allgemeinen Primitivismus und der zermürbenden Mortalität.

Ich bin nur für eine beschränkte Zeit am Leben. In dieser versuche ich mich um die Dinge zu kümmern, die mir wichtig sind. Die Echos, die wir alle hinterlassen, sind so schwach, warum sollte ich mich da um den psyischen Zustand von Menschen, die ich nicht kenne, kümmern?

Klar, man kann seine Zeit auch mit besserem verbringen.

Es ist doch so. Es gibt Menschen, die kann ich nicht leiden. Aber weißt Du was? Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin: Ich weiß nicht das Geringste über diese Leute. Es mag seltsam erscheinen, aber die meisten Menschen mögen sich, hassen sich oder verlieben sich, lieben oder hassen sich. Und wir können noch so viele Daten über Personen in Erfahrung bringen, seien es emotionale, genetische, biografische oder psychologische, wir werden die jeweilige Person und ihr Leben nie in Gänze verstehen, höchstens ansatzweise.

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Das für mich bewegendste Lied auf “Crossing Over” ist “You can now let go”, in dem Du eine Nahtoderfahrung beschreibst. Was genau ist Dir da wiederfahren?

Meine damalige Freundin und ich hatten einen wundervollen Abend in der Stadt. Wir kamen spät nach Hause, aßen Haschkekse, zogen uns aus, legten uns ins Bett, genossen den Rausch und dann dachte ich plötzlich, dass ich einen Herzanfall hatte. Ich wählte den Notruf, war immer noch nackt, konnte mich nicht bewegen, reden oder atmen. Dann kamen die Sanitäter, ich war immer noch nackt. Sie brachten mich ins Krankenhaus. Am nächsten Morgen entließen sie mich mit der Diagnose Angststörung. Die nächsten drei Jahre litt ich unter fast täglich auftretenden Panikattacken. Irgendwann war ich so müde davon so zu fühlen, dass ich mir einen Psychiater suchte, anfing Antidepressiva zu nehmen und von einem Tag auf den anderen wurde mein Leben so viel besser.

Und die Nahtoderfahrung?

Wenn du denkst, du würdest sterben, schalten dein Körper und dein Geist einige Gänge höher und du durchlebst extreme mentale Zustände und Gefühle. Es ist, als würde sich eine Tür öffnen, die du lieber schließen würdest, aber nicht schließen kannst. Wenn dieser Weg in deiner Psyche erst einmal existiert, ist dein Geist immer wieder in der Lage diesen Weg erneut zu beschreiten. Du weißt, du musst damit leben, jeden Tag. „You Can Now Let Go“ ist also ein Song darüber, was mir auf meinem „Rundgang“ in jener Nacht wiederfahren ist.

Du bist Solo-Künstler, spielst und produzierst Du alles selbst. Warum trittst Du Einzelkämpfer auf. Gerade live wäre das Auftreten mit Band einfacher, könnte ich mir vorstellen.

Nun, ich habe die vergangenen zwei Jahrzehnte in vielen Bands gespielt und es gibt zwei Gründe, warum ich mittlerweile lieber alleine auftrete. Zum einen, sind ich und mögliche Bandmitglieder keine 18 Jahre mehr alt. Ich und die mögliche Band sind erwachsen, haben Familie, Jobs, vielleicht Kinder. Es ist ab einem gewissen Alter einfach viel schwieriger und komplizierter gemeinsame Termine für Proben, Konzerte, Aufnahmen oder Touren zu finden, als vielleicht noch zu High-School-Zeiten. Die Aussicht, dass meine musikalischen Ziele und Träume von den Terminplänen und Lebensumstände anderer Personen abhängen, gefällt mir nicht. Zum andern sind meine Lieder so persönlich und autobiografisch, dass die Vorstellung, diese mit anderen auf der Bühne zu präsentieren, sich irgendwie falsch anfühlt. Verstehe mich nicht falsch, ich mag und bewundere die Menschen, mit denen ich bisher in einer Band gespielt habe, aber für mich fühlt sich das nicht authentisch und nicht wahr an, wenn andere meine Musik spielen. Deshalb war für mich immer klar, dass aus We Are Temporary nie eine band werden wird. Ich habe die Lieder alleine in der Nacht über mein Leben geschrieben und nun teile ich sie alleine auf der Bühne. So fühlt sich das für mich richtig an.

Du bist der Sohn eines Neuseeländers und einer US-Amerikanerin, hast Deine Kindheit und Jugend im verschlafenen Rheingau verbracht, hast lange Zeit in Neuseeland verbrachst und lebst jetzt seit einigen Jahren in New York. Was bedeutet Heimat für Dich und wie definierst Du die für Dich?

Ehrlichgesagt habe ich darauf noch keine Antwort gefunden. Ich war immer irgendwie der Außenseiter. In Deutschland, weil US-Amerikaner bin, während meines Studiums in Chicago, weil ich in Deutschland aufgewachsen bin und in Neuseeland weil ich Amerikaner bin. Bis ich nach New York, speziell Brooklyn, gezogen bin, habe ich mich nie irgendwo so richtig zugehörig gefühlt. Hier schon. Das heißt nicht, dass es sich wie Heimat anfühlt, aber ich fange langsam an mich zugehörig zu fühlen.

Ähnlich bewegend wie Deine geografische Reise ist auch Deine musikalische Entwicklung. Angefangen hast Du als Gitarrist in einer Punkcoverband, hast dann später Postrock gemacht und jetzt mit We Are Temporary spielst Du im weitesten Sinne Dark Wave. Hast Du das Gefühl musikalisch am Ziel zu sein oder kann man von Dir künftig noch Ausflüge in ganz neue Sphären erwarten?

Nun, zunächst einmal zeigen die verschiedenen Musikstile verschiedene Abschnitte in meinem Leben. Aber unabhängig davon, war und ist klassische Musik die wichtigste Musik in meinem Leben, etwa Palestrina, Bach, Wagner, Hindemith oder Pärt. Sie steht für mich über allen anderen Formen der Musik und sie hat mich mehr beeinflusst als alle anderen Musikstile zusammen.

Aber um zurück auf Deine Frage zu kommen. Die Art von Musik, die ich mit We Are Temporary hat sich einfach ergeben. Sie ist sicherlich Resultat meiner bisherigen „musikalischen“ Reise. In ihr finden sich Einflüsse von Bands wie Skinny Puppy, die schon sehr früh in meinem Leben mochte. In We Are Temporary findet sich das Gemüt schwarzer elektronischer Musik, das gleichzeitig meine existenzielle Ängste und meine Begeisterung für Technologie und Moderne transportiert. Und die Musik, die ich mit We Are Temporary produziere, fühlt sich für mich einfach natürlich an, wie meine Muttersprache.

Aber ich würde deshalb nicht sagen, dass ich schon am Ende meiner musikalischen Reise bin. Im Gegenteil: der Gedanke, dass ich mich musikalisch und ästhetisch nicht mehr entwickeln würde, ist blanker Horror für mich.

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Und wo geht die Reise dann hin?

Zurzeit begeistern mich einige neue, noch unveröffentlichte Songs, an denen ich arbeite. Ohne zu viel verraten zu wollen, sind sie eine Symbiose aus meinen Erfahrungen mit Weltmusik und meiner bisherigen Musik. So habe ich beispielsweise in einem Lied die Klänge einer aserbaidschanischen Dotar (eine traditionelle Langhalslaute, der Gitarre nicht unähnlich, FF) mit Bubstep-Bässe und aggressiven Hip-Hop-Shouts kombiniert. Ein anderes Lied an dem ich arbeite, wird afrikanische Trommeln und Polyrhythmen mit einem Arvo-Pärt-Sample und vielen Minimal-Techno-Vibes in sich vereinen. Du siehst also, ich habe gar nicht das Verlangen, musikalisch irgendwo anzukommen. Man könnte sagen, die Schatzsuche an sich finde ich viel spannender und gefällt mir besser, als der Schatz selbst.

Im Mai kommst Du für einige Konzerte nach Deutschland und spielst unter an Pfingsten auf dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig. Wie kam es dazu?

Meine Frau und ich waren vergangenes Jahr auf dem Wave-Gothik-Treffen in Leipzig. Eine Band, Empathy Test, die ich auf meinem Label Stars & Letters, veröffentlicht hatte, spielten dort und so bot sich das an. Dabei lernte ich den wunderbaren Promoter Robert Grund kennen, der Empathy Test schon ein paar Mal nach Deutschland geholt hatte. Er interessierte sich für We Are Temporary und fragte mich, ob ich nicht mal Lust hätte in Deutschland und speziell auf dem WGT zu spielen. Natürlich wollte ich und so begann die Idee einer kleinen Deutschland-Tour immer mehr zu reifen. Mit dem WGT als Anker suchte ich noch einige Auftritte davor und danach, was nicht ganz einfach war, da mich in Deutschland noch niemand kennt, aber mit der Hilfe einiger toller Menschen gelang es mir dann doch, noch ein paar Konzerte klarzumachen. Und jetzt bin ich hier.

Die Konzerte bedeuten für Dich ja auch eine Rückkehr in Deine alte Heimat. Mit welchen Gefühlen blickst Du dem entgegen?

Ein bisschen ängstlich, dass niemand zu den Konzerten kommen wird, haha. Gleichzeitig aber auch voller Vorfreude. Ich hoffe, ich werde viele alte Freunde treffen und neue Freunde kennenlernen. Ich kann es kaum erwarten.

Mark, vielen Dank für das Interview!

TOURDATES

12 Mai 2016 Das Bett, Frankfurt
14 May 2016 Wave-Gotik-Treffen 2016 Leipzig
19 May 2016 Kulturkneipe Sabot, Wiesbaden
21 May 2016 Unknown Venue, Dresden
24 May 2016 Lwl-landesmuseum Münster

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Written by Falk Fatal

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