Herzebrock-Clarholz in Aufruhr: Außerirdische greifen an

Sie teilen nicht nur die Liebe zum gemeinsamen Musizieren, sondern auch den Humor. Die Dödelhaie sind eine gut geölte Entertainmentmaschine – so viel ist auf jeden Fall mal klar.

„Nein, wir sind nicht die Dödelhaie. Wir sind Außerirdische von Proxima Centauri, die nur so aussehen wie die Dödelhaie“, sagt ein Mann mit directionsroten Haaren und glänzender Lederjacke. Es klingt so glaubwürdig wie Erich Honeckers Diktum von der Mauer, die noch 100 Jahre stehen wird. Daniel, Holger, Dirk und Stefan von der örtlichen Punkerjugend in Herzebrock-Clarholz unterbrechen ihren Pogo, den sie in heller Vorfreude schon vor dem ersten Ton begonnen haben. Sie schauen sich verwundert an. „Nicht die Dödelhaie? Außerirdische? Was ist hier los? Warum sagt uns das keiner? Wegen denen und Dritte Wahl sind wir doch extra aufs Herzerockt Festival gekommen“, scheinen ihre Blicke zu sagen. Der Mann mit dem leuchtend roten Haar grinst. Der erste Gag hat gesessen. Dann haut Mani in die Saiten und vor der Bühne beginnt der Blutpogo. Auch Daniel, Holger, Dirk und Stefan werfen ihre schwammigen Körper in die Menge. „Scheißegal, ob das die Dödelhaie sind. Sie klingen so und das ist die Hauptsache“, denken sie anscheinend.

Tatsächlich stehen da nicht schleimige Weltraummonster auf der Bühne, sondern Männer über 40. Ihre Waffen sind keine Plasma-Laserkanonen, sondern Musik. Um genauer zu sein: melodischer Deutschpunk mit witzig-gemeinten bis linksradikalen Texten. Was schlimmer ist, darf jeder für sich selbst entscheiden.

Herzebrock-Clarholz. Im Jahr 860 erstmals urkundlich erwähnt, 1.155 Jahre später Schauplatz des Herzerockt-Festivals. Mit den Dödelhaien, neben Dritte Wahl und Jaya the Cat, als einem der Topacts. Die Sonne steht noch vergleichsweise hoch, als die Duisburger ihr einstündiges Set beginnen. Wobei die reine Spielzeit deutlich darunter liegt. Gefühlt die Hälfte des Auftritts geht für Gelaber drauf. Die Ansagen sollen lustig sein, entlocken mir aber nur ein müdes Gähnen. Spaß sind die anderen, mein zweiter Vorname ist schließlich Ernst. Nicht so Sänger Andy. Der wirkt wie ein Animateur, der auf einem Kindergeburtstag die Zehnjährigen bespaßen muss. „Na Kinder, wo hat sich das Dosenbier versteckt?“ Seinem Grinsen nach zu urteilen, hat er Freude daran. Seine Bandkollegen scheinbar auch. Sie grinsen nicht weniger. Anscheinend teilen sie nicht nur die Liebe zum gemeinsamen Musizieren, sondern auch den Humor. Die Dödelhaie sind eine gut geölte Entertainmentmaschine – so viel ist auf jeden Fall mal klar.

Und während mir die Juni-Sonne aufs Hirn bretzelt, sinniere ich ein wenig über die Dödelhaie. Ich bin jetzt 36 Jahre alt, seit rund 20 Jahren treibe ich mich in der Punkszene herum und die Dödelhaie waren von Anfang an mit dabei – obwohl ich sie nie wirklich gehört habe.

Ich erinnere mich an Nachmittage und Abende, die ich mit Ottweiler Dosenbier in Svens Jugendzimmer verbrachte, während im Hintergrund Dödelhaie oder Pig Must Die den Soundtrack zur Dorfjugend lieferten. Mit Sven unternahm ich die ersten Gehversuche in Sachen Punkrock. Er bestellte seine T-Shirts und Platten bei Impact, ich beim Weser Label. Entsprechend unterschiedlich sah unsere kleine Plattensammlung aus. Während er sich am Chaostage-Brettspiel einer Pig Must Die-LP erfreute, brachte mir der Postbote Platten von den Goldenen Zitronen, ein “Helmut Kohl fick Dich”-T-Shirt (das meiner Mutter kurz darauf zufälligerweise beim Waschen so sehr einlief, dass sie es wegwerfen musste), eine Single von Chelsea, auf der Gene October “We dare” in holprigem Deutsch sang und die „Nie wieder Faschismus“-7“ der Mimmis, der ein „gegen Nazis“-Aufnäher beilag (als jahrelanger YPS-Abonnent konnte ich zu einem guten Gimmick noch nie nein sagen).

Eigentlich kenne ich nur zwei Lieder der Dödelhaie. „Radikal“ und das „Holzfällerlied“. Trotzdem musste ich nicht lange überlegen, als mich Mika fragte, ob ich auf dem Herzerockt lesen will. Die Aussicht, nach all den Jahren endlich mal die Dödelhaie live zu sehen, war Grund genug für mich. Denn obwohl ich schon einige schlimme Deutschpunk-Schlachtrufe-Punkinvasions-Konzerte besucht und dabei viele grausige Bands gesehen habe, waren nie die Dödelhaie mit dabei.

doedelhaie

Sind das jetzt Außerirdische oder die Dödelhaie? Dem Publikum ist es egal. Hauptsache Pogo, Bier & Kohle schnorren.

In meinen kühnen Träumen malte ich mir eine rauschende Deutschpunk-Party aus mit Bierspritzen, unförmigen Jugendlichen, die XL-T-Shirts mit ausgerissenem Kragen von Exploited und Schlappiros tragen – so wie früher auf dem Dorf, als wir zu allem pogten, was halbwegs nach Punk klang. Und obwohl ich all das hier vorfinde, springt der Funke nicht auf mich über. Selbst wenn die Herren völlig ernsthaft skandieren „Wo ist die RAF, wenn man sie braucht?“. Entweder bin ich zu nüchtern (was ich definitiv bin, aber da ich später nochmal lesen soll, halte ich mich zurück. Wenn ich zu besoffen bin, lalle ich beim Lesen und das will ich heute nicht) oder ich bin zu alt. Wäre ich 20 Jahre jünger, hätte mich solch ein Verbalradikalismus tief beeindruckt und ich stünde wahrscheinlich ebenso ausgelassen mit einen guten Kumpel im Arm vor der Bühne, während wir „Ja, ich bin radikal, wir folgen keinen Helden, wir kennen unser Ziel“, grölen würden, so wie Daniel, Holger, Dirk und Stefan es tun, ohne zu merken wie albern diese Textzeilen wirken, wenn man dabei einer Band auf einer anderthalb Meter hohen Bühne zujubelt. Aber ich bin keine 16 mehr. Der Fluxkompensator im Mietwagen war wohl kaputt.

Der Meute vor Bühne sind meine Gedanken fremd. Hier wird gepogt, mit Bier gespritzt und Blödsinn skandiert. Auch die Jungs, die mich nachmittags niederbuhten, weil ich es in meinem empirischen Vortrag wagte, die Jugend vor Hansa Pils zu warnen (den Vortrag kann man nachlesen im Gestreckten Mittelfinger #8), fallen vor der Bühne umher. Hätten sie mir mal besser zugehört. Soll hinterher niemand sagen, ich hätte sie nicht gewarnt!

Während ich mir eine Kippe nach der anderen anstecke und gelegentlich am Bier nippe, spielt sich die Band unerschrocken durch ihr Set. Vielleicht sind sie ja doch von Proxima Centauri, denke ich. Doch statt uns mit einer ultraheftigen Plasmalaserkanonen zu vernichten, rauben sie uns mit linksextremer Hassmusik den Verstand. Der Gedanke gefällt mir und so ziehe ich weiter zum Bierstand, um die Luft aus meinem Becher lassen, während die Außerirdischen auf der Bühne ihr schwerstes Geschütz auffahren: das Holzfällerlied. Mit Erfolg. Die Jugend von Herzebrock-Clarholz brüllt sichtlich erfreut „Ich bin Holzfäller und mir geht’s gut, am Tag packt mich die Arbeitswut“ in den nordrhein-westfälischen Abendhimmel, ich kippe nicht weniger erfreut die 0,5 Liter Gerstensaft in mich rein. Ist doch egal, wenn ich später lalle. Sage ich einfach, ich bin vom Planeten Melmac. Wer will mir das Gegenteil beweisen?

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Written by Falk Fatal

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