„ES GEHT UM DIE INHALTE, NICHT UM DAS MEDIUM“

Bild: KotzenKotzen kommen aus Hamburg und machen Punk. Tollen Punk! Denn nicht nur musikalisch hat es das Trio drauf, sondern auch textlich. Höchste Zeit also eine Band vorzustellen und zu interviewen, die noch nicht jeder kennt – obwohl sie das verdient hätten.

Es gibt Bands, von denen hast Du noch nie etwas gehört. Doch irgendein blöder Zufall will es, dass auf einmal ein paar Leute vor dir auf der Bühne stehen und einen Sound spielen, der dich wegbläst. Bei mir war das Anfang 2011 in Hamburg im Störtebeker der Fall. Wir sollten da mit meiner Band Front spielen. Die Band, mit der wir spielen sollten, trug den tollen Namen KOTZEN. Dass ich dabei zunächst an schlimmsten Rumpelpunk dachte, wird mir die Band hoffentlich verzeihen. Ich wurde schnell eines Besseren belehrt. Drei unscheinbar wirkende Mitdreißiger betraten irgendwann die Bühne und spielten um ihr Leben. Und ihr Sound? Typisch Hamburg. Nordisch unterkühlt, trotzdem angepisst, fern von 08/15, ein Schuss Melancholie gepaart mit Wut und Unzufriedenheit. Irgendwoher muss der Bandname ja herkommen. Ich war begeistert. Leider betraten wir dann die Bühne und nach unserem Auftritt laberte ich mit allen Leuten, nur nicht mit den Jungs von KOTZEN. So versäumte ich es mitzuteilen, wie toll, wie großartig ich diesen Auftritt, ihre Musik fand.

Umso mehr freute ich mich, dass ich einige Monate später ihre neue EP zugeschickt bekam. Eine von 16 Stück, die extra für Fanzinedeppen wie mich, hergestellt wurde. Der Rest der Menschheit darf sich die EP kostenlos auf der Bandhomepage herunterladen, wie übrigens auch alle älteren Aufnahmen und EPs der Band. Denn KOTZEN bringen ihre Musik ohne Tonträger heraus. Aufmerksame Leser werden sich erinnern, in der letzten Ausgabe handelte ein beträchtlicher Teil des Heftes um illegale Downloads. Doch wie verhält es sich mit Bands, die ihre Musik gar nicht auf einem Tonträger veröffentlicht sehen wollen, sondern diese direkt zu ihrem Publikum bringen wollen? Diese Frage stellte ich leider nicht. Das hole ich jetzt nach. Und mein Rat an euch: Besucht ihre Homepage und ladet herunter, was das Zeug hält. Und lest euch dabei die Texte durch und was die Band sonst noch zu sagen hat. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Bands, haben KOTZEN etwas zu sagen. Tolle Band! Timo war so freundlich meine Fragen zu beantworten. Danke!

NICHT JEDER WIRD KOTZEN KENNEN. STELLT EUCH DOCH MAL VOR.

KOTZEN sind: Nico/Schlagzeug, Marius/Bass, Alex/Gitarre und ich, Timo, Gesang und Gitarre. Das Ganze hat ursprünglich mal als Reines zwei Mann Probe-, bzw. Studioprojekt begonnen, hat dann dafür aber zu viel Bock gemacht und den Anreiz geboten, das Ganze als Band umzusetzen.

Bild: KotzenIHR KLINGT NICHT GERADE WIE EINE ANFÄNGERBAND. HABT IHR VORHER SCHON IN ANDEREN BANDS GESPIELT. WENN JA, IN WELCHEN?

Ja, jeder von uns hat bereits in Bands gespielt, bzw. spielt parallel in anderen Bands. Nico und ich vorher bei DER TRICK IST ZU ATMEN, Marius war bei KURHAUS und den gerade aufgelösten HONIGBOMBER unterwegs und spielt aktuell bei SOLEMN LEAGUE. Alex hat Bass bei EGOZID gespielt, von deren Abschiedskonzert wir ihn direkt weggecastet haben. Das war ganz lustig, weil wir eigentlich gar nicht bewusst auf der Suche waren. Nico stand vorne und ich hinten am Tresen und beim ersten Lied musste ich schon aufgrund seines Bassspiels grinsen und beim Zweiten dreht sich Nico um, sucht Blickkontakt und grinst mich über beide Ohren an, beide mit dem gleichen Gedanken…Dann war nur noch die Frage, ob er Bass oder Gitarre spielen will, bzw. was Marius weiterhin wollte, der ja sonst eigentlich auch eher Gitarrist ist. Und seitdem verzweifeln im Proberaum regelmäßig drei Zählroboter an einem intuitiven „hier muss doch irgendwo die Eins sein“- Sucher, nämlich mir, haha.

WAS AUFFÄLLT, WENN MAN EURE HOMEPAGE BESUCHT, DASS IHR DORT NEBEN BANDINFOS REGELMÄSSIG BEITRÄGE ÜBER PERSÖNLICHE ERLEBNISSE UND POLITISCHE THEMEN POSTET, SOWIE BÜCHER UND FILME EMPFEHLT. WARUM DIESES MITTEILUNGSBEDÜRFNIS ABSEITS DER MUSIK?

Ich finde, dass eine Band gerne mehr sagen darf, bzw. sollte, als sie in ihren Songs verarbeitet. Das gibt doch auch einen Einblick, wie das dort Gesagte in Relation zu setzen ist. Hinter der Band stehen ja schließlich Personen, Menschen, die sich irgendwie so entwickeln, dass diese Art von Texten und Musik dabei rauskommt. Da ist das Internet ideal, ungefragt andere daran teilhaben zu lassen, was einen denn gerade beschäftigt oder beeinflusst. Ich würde von mir behaupten, dass ich persönlich eher kein großes Mitteilungsbedürfnis habe, bzw. glaube, kein besonders interessanter Mensch zu sein. Trotzdem schreibe ich den Großteil der Updates. Irgendwie auch für mich selbst, als Reminder, zum Vergewissern.

Bild: Kotzen

PUNKROCK IS MORE THAN MUSIC. SEHT IHR DAS AUCH SO?

Yep, sollte so sein, isses aber häufig nicht. Das ist ja nun aber auch nicht neu, weil DER Punk per Definition sich von jeher ja erstmal auf die Fahne schreibt, keine Standards zu setzen. Der Punk, den wir mögen, tut das aber eben doch. Definitionssache halt. Koran und Bibel, nichts als Wörter. Also mal direkt auf das Wort Punk an sich geschissen.

UND WAS SIND DAS FÜR STANDARDS?

Hm…plakativ: Keine Dogmen, keine Nazis, keine Grauzone, Freiheit, Frieden, Gleichheit. Dieses alte Crust-„Equality“-Zeichen, dieses Peacezeichen mit dem eingebundenen „E“, trifft es eigentlich sehr gut. Sich bewusst in der Welt bewegen. Sich selbst und sein Handeln und dessen Auswirkungen auf andere hinterfragen, versuchen ein besserer Mensch zu sein. Nicht besser als sie oder er, sondern besser als vorher. Dieses Menschenbild zusammen mit der Art Musik ist dann wohl das, was ich Punk nenne.

Bild: KotzenBEI EURER NEUSTEN EP „ENDLICH DER SICHERE SAND“ HABT IHR ERSTMALS LINERNOTES EUREN TEXTEN BEIGEFÜGT. SIND DIE NEUEN TEXTE SO ERKLÄRUNGSBEDÜRFTIG?

Die stehen so auch für sich, denke ich. Unser Ansatz ist ja generell, zu schreiben, um verstanden zu werden und nicht um beliebig interpretierbare Bilder entstehen zu lassen. Gerade bei diesen Songs waren aber sehr spezifische Situationen die Auslöser des Schreibens, auf denen dann zahlreiche weiterführende Gedankengänge in andere Richtungen aufbauen. Zum Beispiel bei „Endlich der sichere Sand“, dessen Patriarchat- und Religionskritik offensichtlich an den Erfahrungen des jemenitischen Mädchens Nojoud Ali anknüpft. Um da einer einseitigen Lesart in eine bestimmte religiöse Richtung entgegen zu wirken, war es uns wichtig, noch mal deutlich zu machen, dass sich unsere Kritik gegen jegliche Unterdrückungsmechanismen und -folgen richtet! Ich will nicht diskutieren, ob etwas zum Islam, Christentum, Zierfischanglerkonglomerat oder whatever gehört. Das ist mir egal. Um diese Begrifflichkeiten geht es nicht. Das sind leere Variablen, wie z.B…äh, Punk, haha. Das habe ich direkt in der ersten Strophe versucht deutlich zu machen, fand aber eine explizite An-/Aussprache nochmals angebracht. Und dazu sind Linernotes ideal.

IHR VERÖFFENTLICHT EURE LIEDER KONSEQUENT NUR ALS KOSTENLOSEN DOWNLOAD. WARUM NICHT AUCH ALS HAPTISCHEN TONTRÄGER? FÜR DIE MEISTEN BANDS IST ES DAS GRÖSSTE EINEN TONTRÄGER ZU VERÖFFENTLICHEN. HABT IHR DIESEN WUNSCH NICHT?

Nein, den Wunsch haben wir als KOTZEN definitiv überhaupt nicht. Abgesehen von der Relation Kosten zu Tonverbreitung finde ich haptische Tonträger auch absolut unzeitgemäß. Aber irgendwie besteht allgemein immer noch diese Untrennbarkeit von Band und haptischem Tonträger. Genau das finde ich so angreifbar. Der Gedanke, man hätte irgendwas geschafft, wenn der Ton erst auf Vinyl oder Cd konserviert ist. Und das damit Verbundene in einer vermeintlich Liga mitspielen zu wollen. Ich meine, die eigentliche Bestimmung eines TonTRÄGERS, nicht die Zugewiesene, ist doch eine ganz andere. Damals hast du halt in Memphis an der Ecke kurz oben deinen Song reingetan und ihn unten auf Vinyl zum Mitnehmen/Verbreiten rausgekriegt. Es war das Optimum der Verbreitungsmöglichkeit. Top für die damalige Zeit. Heute musst du für das gleiche Ergebnis, mal übertrieben gesagt, erstmal n Kredit aufnehmen, obwohl du deinen Ton eigentlich tausendmal einfacher und kostengünstiger verbreiten könntest. Dabei noch wesentlich umweltfreundlicher. Was ich sagen will, ist: es geht doch um Töne, also die Musik und nicht zuletzt die Inhalte, die möglichst vielen Interessierten zugänglich gemacht werden wollen und nicht das Medium, das sie trägt. Wenn ich also Inhalte habe, wieso sollte ich diese auf eine kalkulierte Anzahl reduzieren und dann noch hoffen, mit dem Tropfen, den richtigen Stein getroffen zu haben? Ich glaube bei vielen kleineren Bands und auch Konsumentinnen geht es darum, sich selbst und anderen etwas vorzeigen zu können, was mit Downloads natürlich nur weitaus abstrakter möglich ist. Oder aber auch im Größeren, dieser Gedankengang, „die und die haben soviel für die Szene gemacht, jahrelang die Ochsentour gegangen, da isses doch fair, wenn die jetzt was verdienen?!“ Wann ist denn das alles hier nur zu „einem Weg“ verkommen, mit dem Ziel vom Kuchen was haben zu wollen? Sind unkommerzielle Locations, besetzte Häuser, Freiräume nicht mehr der heiße Scheiß? Fairer und bewusster Umgang miteinander? Gleichberechtigung, Gleichstellung? Und jetzt sagt jemand „is ja für euch einfach zu sagen, weil ihr eh nichts verkaufen würdet“, dann sag ich „Hast recht! Aber guck dir doch mal mit ehrlichem Blick an, warum du was ins Presswerk schickst! Um deine zweieurofünfzig Proberaumaufnahmen im befreundeten Selbstausbeutungspreisestudio wieder rein zu kriegen? Die kannst du bei der ganzen Sache doch eh schon vorher abschreiben.

WIE REAGIERT DAS PUBLIKUM DARAUF, DASS IHR KEINE PLATTEN ZUM VERKAUF ANBIETET, WENN SIE EUCH NACH DEM KONZERT BEGEISTERT NACH TONTRÄGERN FRAGEN?

Haha, „begeistert“…das ist tatsächlich bisher genau NOCH NIE vorgekommen! Nee, wir kommunizieren das ja auch von der Bühne runter, dass es die Songs alle und umsonst online gibt. Und da dann ja auch entsprechend aufbereitet mit Covern, allen Texten, Linernotes; halt allem, was ein schönes Release unserer Meinung nach ausmacht. Dafür bedarf es unserer Meinung nach aber eben keines haptischen Produktes.

Bild: KotzenES HEISST JA IMMER, DASS BANDS DAVON PROFITIEREN WÜRDEN, WENN IHRE LIEDER KOSTENLOS HERUNTERGELADEN WERDEN KÖNNEN, WEIL DANN MEHR LEUTE AUF DIE KONZERTE KOMMEN UND MERCHANDISE KAUFEN. KÖNNT IHR DAS BESTÄTIGEN?

Sorry, aber da sind wir echt die Falschen, mit den paar Konzerten im Jahr und ohne jegliches Merch. Volles Haus sieht jedenfalls anders aus. Persönlich glaube ich aber, dass das in (sehr viel) höheren Ligen durchaus funktioniert, dann aber eben als Marketingtool.

GLAUBT IHR, DASS ES SCHWERER IST, OHNE TONTRÄGER BEKANNT ZU WERDEN ALS MIT?

Ja, im Moment noch. Wegen der erwähnten Untrennbarkeit Band/Tonträger in Zusammenhang mit der Vorstellung, welchen Mehrwert eine Band für einen persönlich haben könnte. Das befindet sich aber an einem Umbruch, denke ich.

WENN ICH MICH NICHT GANZ IRRE, HABT IHR BISHER MEIST NUR IM HAMBURG UND UMGEBUNG GESPIELT. SPIELT IHR BALD AUCH WEITER SÜDLICHER?

Immer gerne! Aber bei uns funktioniert das ja tatsächlich so, dass wir nur spielen, wenn wir angefragt werden. Tonträger müssen wir ja glücklicherweise auch nicht loswerden. Wir wollen da keinen belästigen und uns Enttäuschungen ersparen. Das ist eigentlich die konsequente Umsetzung des Nur-Online-Releasens. Konzerte-On-Demand, haha. Wir sind praktisch nur da, wo auch ein Grundinteresse besteht. Und unangefixte Menschen finden sich dort immer noch genug. Fragt keiner, spielen wir eben kein Konzert. Und wie sich unsere Konzertedisco liest, hält sich das Interesse an uns in sehr überschaubaren Grenzen. Deshalb auf jeden Fall vielen Dank für Deines!

EURE PLÄNE FÜR DIE ZUKUNFT?

Wir sind gerade dabei neue Songs feinzuschleifen, die wir im Frühjahr/Anfang des Sommers aufnehmen wollen. Die werden dann as usual mit Texten, Linernotes, Cover in Druckqualität und allem Pipapo auf der Seite ergänzt werden. Wer Bock hat `ne Info zu kriegen, wenn’s soweit is oder auch sonst, wenn die Seite geupdatet wurde, schreibt uns einfach ne Mail mit seiner eMail-Adresse. Dann gibt`s n Einzeiler, kein Newslettergeschreibsel oder so und die Frequenz liegt auch eher bei Erdzeitaltern als bei Twitter. Das ist eher gedacht, dass Interessierte da nicht n halbes Jahr täglich gucken muss, ob`s was Neues gibt. Nutzt die Zeit was Sinnvolles zu machen!

Erschienen in Ausgabe #7 des gestreckten Mittelfingers.

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Written by Falk Fatal

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