SLEAFORD MODS – schlechte Laune aus der Provinz

Bild: Simon Parfrement

Bild: Simon Parfrement

Sleaford Mods sind die Konsensband der Stunde. Zurecht.

Für gute Musik braucht es nicht viel. Zwei Typen in ihren Mitvierzigern, ein paar minimalistische Beats von einem Laptop, schlechte Laune und jede Menge Wut im Bauch reichen vollkommen aus für den jüngsten und besten Undergroundhype seit Langem. Die Rede ist von Sleaford Mods, einem Duo aus Nottingham, das zurzeit die Musikpresse und Feuilletons verrücktspielen lässt. Und das hat seinen Grund. Mit bescheidenen Mitteln haben es Sleaford Mods geschafft, einen ganz eigenen Sound entstehen zu lassen, der sich erfolgreich dagegen wehrt, in eine der gängigen Schubladen gesteckt zu werden.

Nicht Hip-Hop, nicht Techno, auch wenn die Musik von nackten, kalten Elektrobeats bestimmt und der Gesang mehr gesprochen als gesungen wird. Nicht Punk, obwohl die Texte so direkt, so rotzig die Perspektivlosigkeit und Langeweile der britischen Jugend in Musik zu übersetzen, wie das schon lange keine Band vor ihnen mehr geschafft hat. Wer ist also dieses Phänomen, das seit rund zwei Jahren Konzertbesucher, Plattenkäufer und Musikjournalisten gleichermaßen in Verzückung setzt?

„I worked my dreams off for two bits of ravioli and a warm bottle of Smirnoff
Under a manager that doesn’t have a fucking clue“
—SHIT JOBS—

Sleaford Mods, das sind Andrew Fearns, dem schweigsamen und zurückhaltenden Soundbastler, der gutem Gras selten abgeneigt ist, und Jason Williamson, Sprachrohr und Stimme der Band. Die Beats, die Fearn an seinem Laptop zu Williamsons rotzigen Sprechgesang, kreiert, sind minimalistisch und monoton, erinnern an den britischen Post-Punk der frühen 1980er Jahre genauso wie an Grime, einer britischen Spielart des Hip-Hops, die Anfang des Jahrtausends entstand. Dazu spuckt und rotzt Williamsons seine wütenden, aggressiven und desillusionierenden Texte ins Mikro wie einst Johnny Rotten in seinen besten Zeiten. Sleaford Mods klingen wie das fleischgewordene „No Future“ der Sex Pistols. In seiner Einfachheit ist das deutlich mehr Punk, als viele der heutigen Punkbands zustande bringen. Solch einen einzigartigen Sound zu kreieren war ursprünglich gar nicht das Ziel gewesen, sagt Williamson. „Wir wollten einfach etwas machen, das in unseren Ohren gut klingt.“ Das ist ihnen gelungen.

Doch zurück zu den Texten der Sleaford Mods, die den Schlüssel zur Rezeption der Band darstellen. Wobei Texte ein bisschen verniedlichend klingt. Es sind Schimpftiraden gegen die Reichen, gegen die politische Klasse Englands, gegen die soziale Zweiteilung im Vereinigten Königreich, die einem Großteil der Jugend das kapitalistische Glücksversprechen des sozialen Aufstiegs verwehrt und höchstens schlecht bezahlte Minijobs zu bieten hat, gegen Privatschulbonzen, die mit einem goldenen Löffel im Maul zur Welt kommen, gegen die Tristesse britischer Provinzstädte, gegen rechte Arschlöcher, gegen Nationalismus, gegen fett gewordene Britpopper wie die Gallagher-Brüder, die obwohl millionenschwer noch immer so tun, als hätten sie irgendeinen Bezug zur Arbeiterklasse und auch gegen die von Alkohol und Antidepressiva abgestumpfte Masse, deren Zorn sich, wenn überhaupt, in den Kommentarspalten der sozialen Medien entlädt: „And all you Zombies, tweet, tweet, tweet.“ Gleichzeitig sind die Texte so sarkastisch, so einfallsreich, dass es unglaublich Spaß macht, Williamson beim Schimpfen zuzuhören. Aber Hoffnung auf Besserung ist laut Williamsons nicht in Sicht: „Es sieht nicht gut aus, oder? Alles, was du tun kannst, ist deine Freunde zu beschützen und dir dein Niveau zu bewahren.”

„So Mr. Williamson, what have you done to find gainful employment
Since your last signing on date?
Fuck all.“
—Jobseeker—

Williamson und Fearn legen den Finger in die Wunde. Sie sind nicht einverstanden mit der der sozialen Realität. Sie sind der brachiale Gegenentwurf zu „Happy“ und „Get Lucky“, den Superhits der vergangenen Jahre. Sie haben nichts mit diesem sinnentleerten Plastikpop zu tun, der für all die Menschen, die jetzt für die von Bankern, Industriebossen und Politikern verursachte Finanzkrise mit Arbeitslosigkeit, gekürzter Sozialhilfe und Zero-Hour-Contracts zahlen müssen, wie Hohn klingen muss. Die Realität, über die Sleaford Mods singen, hat nichts mit den selbstgedrehten Videos der tanzenden „Happy“-Idioten zu tun.

Williamson weiß, worüber er schimpft. Bis vor kurzem arbeitete er als Sozialhilfeberater. Einige der Erfahrungen, die er dort gemacht hat, seien in seine Texte eingeflossen, sagt er. „Solch einer Hoffnungslosigkeit, wie ich sie bei meinen Klienten erlebt habe, war ich noch nie ausgesetzt. Es ist unmöglich, mit diesen Sozialhilfezahlungen zu überleben. Und wenn Du eine alleinerziehende Mutter oder arbeitsunfähig bist, bist Du noch mehr eine Zielscheibe.“ Dass es nicht wenige gibt, die Sleaford Mods deshalb als eine politische Band sehen, kann Williamson verstehen. „In gewisser Hinsicht, ja. Aber wir sind keine politische Band im traditionellen Sinne. Wir sind keine Salonbolschewisten oder Wohnzimmerrevolutionäre. Es ist gut, dass die Leute unsere Lieder so ernst nehmen, wie wir es tun. Aber ich bin kein politischer Anführer, der den Menschen sagt, was sie machen sollen.“

„The Smell of piss is so strong,
it smells like decent bacon“
—Tied up in Nottz—

Die Geschichte der Sleaford Mods beginnt im Jahr 2006, als Williamson erstmals über ein Musiksample sang. Die ersten Veröffentlichungen folgten schnell, damals noch produziert von Simon Parfrement, der 2012 von Fearn abgelöst wurde. Parfrement kümmert sich seitdem um die Bilder und Videos der Band.

Williamson hatte Fearn in einer Nottinghamer Bar auflegen gehört und anschließend angesprochen. Seitdem ist Fearn in der Band, erstmals zu hören auf dem fünften Album „Wank“. Der rasante Aufstieg des Duos konnte beginnen. Waren die ersten vier, fünf Alben höchstens einer kleinen Schar eingefleischter Hardcore-Fans ein Begriff, gelang ihnen mit „Austerity Dogs“ der Durchbruch. Plötzlich nahmen auch überregionale Musikmagazine von der Band Notiz. Sogar Faith No More-Frontmann Mike Patton fand Gefallen an dem Duo und veröffentlichte 2014 die Singles-Compilation „Chupped Up+“ auf seinem Label Ipecac.

Spätestens seit „Divide and Exist“, ihrem im Vorjahr erschienen Album, schwimmen die Sleaford Mods auf einer Welle des Erfolgs, die zumindest so groß ist, dass Williamson seinen Job an den Nagel hängen konnte. „Das ist großartig! Das ist das, was Andrew und ich immer wollten und jetzt ist es wahr geworden. Das ist doch der Traum jedes Musikers. Wir haben hart dafür gearbeitet. Jetzt bekommen wir den Lohn dafür“, sagt Williamson.

„Doing 30 in a 40 and playing
who gives a fuck about yesterday heroes“
Solo Johnny Marr
—Public Hair LTD—

Angst selbst einmal ein lahmer, langweiliger alter Arsch zu werden wie etwa die Gallagher-Brüder hat Williamson keine und hat dafür auch den entsprechenden Ratschlag parat: „Hör einfach auf dich selbst. Mache nichts nur der Kohle wegen, oder lasse wenigstens die Aussicht auf Geld nicht die Basis deines Songwritings werden.“ Ein Ausverkauf der Band muss also nicht befürchtet werden. „Ich wüsste auch gar nicht, was ich mit dem ganzen Geld anfangen sollte“, sagt er. Ihm reiche schon eine Tüte Fritten und ein Glas Bier in einem ruhigen Pub. Wer ihn mal abseits der Bühne erlebt hat, glaubt ihm das aufs Wort.

Und auch für die Kritiker, die Sleaford Mods musikalisch und textlich für zu beschränkt halten, um dauerhaft Erfolg zu haben, hat Williamson markige Worte übrig. „Diese Wichser glauben, sie wüssten alles über eine Band. In Wahrheit haben sie mit den Bands nichts zu tun. Es ist Irrsinn zu glauben, jemand, der im scheiß London hinter seinem Laptop oder Computer sitzt, wäre in der Lage, die Entwicklung oder den Wert einer Band vorauszusagen.“ Recht hat er.

Kürzlich erschien das neue Album „Key Markets“, das die Kritiker Lügen straft. „Key Markets“ ist kein Abklatsch älterer Lieder, keine komplette Neuerfindung, sondern einfach nur gut. Williamson zeigt sich wieder in Hochform. Seine Texte sind bissig, sarkastisch. Unterlegt von Fearns Elektrobeats. Und da die Tories die britischen Parlamentswahlen deutlich gewonnen haben, dürfte auch die Inspiration für die nächsten Alben nicht ausgehen. Es spricht also einiges dafür, das
Sleaford Mods bleiben, wie sie sind: frisch, wütend, aufregend.

EINE BAND UND IHR NAME
Der Name der Sleaford Mods führt in die Irre, wenn man daraus die Herkunft der Band ableiten will. Die Band stammt aus Nottingham und nicht aus Sleaford. Aber Williamson ist die Kleinstadt in den East-Midlands immerhin ein Begriff, ist er doch in Grantham geboren, das rund 15 Kilometer westlich von Sleaford liegt. Sleaford Mods habe einfach besser geklungen als Grantham Mods, sagte er dem DJ mag in einem Interview. Kleiner Funfact am Rande: Grantham ist auch der Geburtsort von Maggie „Hooray-the-witch-is-dead“ Thatcher. Weiter bringt da schon der Bezug auf das Mods im Namen, das eine Referenz zu Williamsons Jugend darstellt. Denn in der war er ein Mod. „Meine Jugend war nicht anders als die anderer Jugendlicher, die mit einem ähnlichen sozialen Background in den Achtzigern und Neunzigern aufgewachsen sind. Ich wurde ein Mod und studierte The Jam und alles, was mit dieser Musik zu tun hat. Das legte den Grundstein für Sleaford Mods“, erzählt Williamson. Auch wenn der Name wenig über die Herkunft der Band aussagt, ist diese doch charakteristisch für Sleaford Mods. Williamsons singt und spricht mit Midland-Akzent. Deutlich hörbar beim oft verwendeten Wort „Fuck“, das bei ihm wie „Fock“ klingt. Dieser Dialekt ist in England ähnlich hoch angesehen wie hierzulande das Sächsische und ist bei Sleaford Mods auch Ausdruck eines gewissen Klassenbewusstseins. Wer so spricht, stammt nicht aus dem hippen London, immer noch das Epizentrum der europäischen Popmusik, und ist auch auf keine der teuren Privatschulen gegangen, auf die die Besserverdienenden ihren Nachwuchs schicken. Wer so spricht, stammt aus der Provinz und versucht erst gar nicht, dies zu verbergen.

Der Artikel ist ursprünglich im Punkrock #24 erschienen

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Written by Falk Fatal

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